Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Interdisziplinarität als Spezialität

13. Juni 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Sebastian Späth

Der Begriff Universität steht für die Gemeinschaft der Wissenschaften (universitas litterarum). Die organisatorische Unterteilung dieser Gemeinschaft in Fakultäten und Disziplinen (Fächer) fördert allerdings nicht unbedingt die gemeinschaftliche Arbeit der Wissenschaften, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit ähnlich ausgebildeten Personen aus den gleichen Disziplinen. Auch Karriereimpulse und Reputation basieren standardmäßig vor allem auf Erfolgen mit Publikationen in der eigenen Disziplin. Karin Knorr-Cetina hat die Problematik des Austausches zwischen verschiedenen Fächern (oder sogar Subfeldern eines Faches) schön beschrieben. Diese entwickeln unterschiedliche epistemische Kulturen und verwenden beispielsweise unterschiedliche wissenschaftliche Sprachen und Kulturen, die einen Wissensaustausch schwierig bis unmöglich machen.

Bei der Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg ist zu unterscheiden zwischen multidisziplinären, interdisziplinären und transdisziplinären Vorgehensweisen.

Multidisziplinär ist Forschung dann, wenn sich verschiedene Disziplinen aus ihrer jeweiligen Sichtweise mit der gleichen Fragestellung befassen.

Wenn beispielsweise die Entscheidungsfindung eines Managers sowohl von Neurobiologen mittels einer Tomographie als auch von Verhaltensökonomen untersucht wird, jedoch jeder Forscher „in seinem Revier“ bleibt, handelt es sich um multidisziplinäre Forschung. Oft findet diese parallel und ohne Interaktionen der Fächer statt.

Interdisziplinär ist Forschung dann, wenn Wissen, Theorien oder Methoden anderer Disziplinen mit denen der eigenen Disziplin verknüpft werden und es zu einer Synthese kommt. Als Forscher muss man hier über den eigenen Tellerrand hinausblicken, „Conceptual Blending“ zwischen den epistemischen Kulturen und Theorien betreiben und die Terminologien anderer Fächer begreifen lernen.

Transdisziplinarität ist von Interdisziplinarität schwieriger abzugrenzen: hier entstehen integrierte Modelle, die die Grenzen einer Disziplin überschreiten und Relevanz jenseits einzelner Disziplinen aufweisen. Oft spricht man von Transdisziplinarität, wenn Ergebnisse nicht nur innerhalb einer Disziplin-„Blase“ verbleiben, sondern genutzt werden, um Auswirkungen auch außerhalb der Elfenbeintürme zu bewirken. Wenn beispielsweise psychologische Modelle herangezogen werden, um die Charakteristika von potentiellen Problem(Glücks-)spielern zu identifizieren und dabei Regelungen vorgeschlagen werden, um Spielsucht vorzubeugen, kann man von transdisziplinärer Forschung sprechen.

Die Sozialökonomie hat den Vorteil, in ihrer organisatorischen Struktur und inhaltlichen Ausrichtung interdisziplinär angelegt zu sein. Sozialökonomisch zu forschen und zu lehren impliziert die Zusammenarbeit mit Kollegen verschiedener Disziplinen.

Das Fachgebiet der Sozialökonomie, das sich zur Aufgabe gemacht hat, „Wechselwirkungen von Wirtschaft und Gesellschaft aus verschiedenen, sich ergänzenden Blickwinkeln – der Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Rechtswissenschaft“ mit gesellschaftspolitischer Relevanz zu untersuchen, ist von seiner Grundausrichtung inter- und transdisziplinär ausgelegt. Dies erfordert Toleranz und Verständnis und macht die Arbeit schwieriger, jedoch auch interessanter, relevanter und spannender.

Sebastian Späth leitet die Professur für BWL/Digitale Märkte an der Universität Hamburg.

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Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS)

07. Juni 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Arne Heise

Forschungen zur Sozialökonomie sind befasst mit der wechselseitigen Bindung von Individuen und Gesellschaft und knüpfen an Erkenntnisse der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaft und der Gesellschafstheorie an. Die Kombination disziplinärer Wissensformen und Methoden ermöglicht eine historisch-systematische Orientierung. Diese schließt die Gesellschaftlichkeit als produktive Ressource ebenso ein wie daran notwendig geknüpfte demokratische Prozesse. Damit beschäftigen sich auch eigene Beiträge zum Funktionieren und Versagen von Märkten und zum demokratischen Gemeinwesen. Das Forschungsprogramm des Zentrums konzentriert sich darauf, ökonomische Vernunft, politischen Realismus und soziale Verantwortung zusammenzuführen. Zentral sind dabei nicht nur wissenschaftliche Erträge, sondern auch Beratungskompetenzen – etwa in Fragen der Gestaltung des lokalen Nahbereiches als auch zu weltgesellschaftlichen und weltwirtschaftlichen Problemen. In den gegenwärtig vorherrschenden Formen des Verhältnisses zwischen Individuen und Gesellschaft erkennen wir eine Dynamik, die einen neuen Gesellschaftsvertrag erfordert. In diesen Vertrag eingeschrieben werden muss das Recht, in ökonomisch-sozialer Hinsicht nicht ausgeschlossen zu werden, da es Grundlage jeglichen freien Urteilens und politischen Handelns ist.

Arnei Heise ist Professor für VWL, insb. Finanzwissenschaft und Public Governance

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Professur Volkswirtschaftslehre, insbesondere Empirische Wirtschaftsforschung

29. Mai 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Ulrich Fritsche

Die Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Empirische Wirtschaftsforschung hat zwei Standbeine: die Forschung und die Lehre. Nur gute Forschung liefert die Grundlage guter Lehre. In der Forschung gibt es drei Themenfelder: Prognosen, Erwartungen, Währungsunion. 

In dem Forschungsbereich Prognosen wird z.B. untersucht, wann, wie und warum es zu Herdenverhalten von Prognostikern kommt. Besonderes Augenmerk wird auf die Distinktion von Informationsrigiditäten und Herdenverhalten gerichtet. Es besteht dazu eine Forschungskooperation mit dem IMF Research Department (Prakash Loungani), mit dem Research Program on Forecasting der George Washington University (Tara Sinclair) und mit Prof. Roy Batchelor (Cass Business School).

Seit 2015 wird von der Deutschen Forschungsgesellschaft, DFG, das Projekt „Macroeconomic Forecasting in Great Crisis“ (in Kooperation mit Prof. Dr. Jörg Döpke, FH Merseburg und Prof. Dr. Christian Pierdzioch, HSU Hamburg) im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1859 „Erfahrung und Erwartung: Historische Grundlagen ökonomischen Handelns“ gefördert. 2018 wurde das Projekt „Exploring the experience-expectation nexus in macroeconomic forecasting using computational text analysis and machine learning“ von der DFG bewilligt.

In der Lehre liegt der Schwerpunkt auf Veranstaltungen zur Empirischen Wirtschaftsforschung und Ökonometrie, zur Makroökonomischen Theorie und –politik, zur Politikberatung und zur ökonomischen Theoriegeschichte. Außerdem organisiert die Professur regelmäßig wissenschaftliche, oft auch interdisziplinäre – Workshops an der Universität Hamburg z.B. im Oktober 2018 mit Ökonom*innen, Soziolog*innen, Historiker*innen und Philosoph*innen zum Thema „Futures past: Economic forecasting the 20th and 21st century“.

Ulrich Fritsche ist Professor für VWL, insb. Empirische Wirtschaftsforschung.

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Der BA Sozialökonomie: „Von Allen – für alle“

27. Mai 2019 FB SozÖk

Von Dr. Christine Zöllner

„Von Allen – für alle“ – im Januar grüßte das Hamburger Rathaus die Universität Hamburg zu ihrem 100.sten Geburtstag mit diesem Slogan. Dieser Idee trägt insbesondere der Studiengang BA Sozialökonomie Rechnung, deren Programmdirektorin ich bin. Eine Vielzahl unserer Studierender kann die Hochschulzulassung auch ohne Abitur über die Eingangsprüfung erlangen. Diese Durchlässigkeit prägt den Studiengang, den Ansatz in der Lehre und spiegelt in der Universität noch einmal verstärkt die Pluralität unserer Gesellschafft. Diesen Inhalten tragen wir zudem Rechnung, in dem das Curriculum interdisziplinär BWL, VWL, Soziologe und Rechtswissenschaften zusammenführt, da disziplinäre Antworten auf die Problemstellungen unserer Zeit nur einseitig sein können. Diese Merkmale sorgen dafür, dass dieser Studiengang anders ist als andere – machen ihn gleichzeitig aber zu etwas ganz Besonderem.

Christine Zöllner ist Programmdirektorin des Bachelor Sozialökonomie.

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Forschendes Lernen im Seminar Plurale Ökonomik

07. Mai 2019 FB SozÖk

Von Dr. Martin Sauber

Das Seminar Plurale Ökonomik ist ein gelungenes Beispiel von sozialökonomischer Lehre. Es hat zum fünften mal erfolgreich stattgefunden. Nach den Themen Paradigmenvielfalt der Volkswirtschaftslehre, Wirtschafts- und Finanzkrisen, Zum Verhältnis von Gesellschaft und Natur und Technischer Fortschritt hatten wir uns letztens mit dem Neoliberalismus beschäftigt.

Angeboten wird das Seminar im Master Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft – Ökonomische und Soziologische Studien. Dies ist ein interdisziplinärer Studiengang mit Schwerpunkt in Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Die Studierenden untersuchen in interdisziplinären Teams die jeweiligen Themen. Dabei wenden sie die erarbeiteten theoretischen Grundalgen auf eine selbstgewählte konkrete und praxisrelevante Problemstellung an. 

Ziel der Lehrveranstaltungen ist es die Kenntnis des Bestehenden, dessen kritische Reflexion und die Entwicklung neuer Konzepte zu ermöglichen und zu fördern. Dabei ist ein Angebot an vielfältigen (mitunter konträren) Theorien und Modellen – eine wissenschaftliche Pluralität – von größter Wichtigkeit. Diese wissenschaftliche Diversität, welche „etablierte“ sowie „alternative“ Ansätze beinhaltet, ist für einen problemorientierten und ergebnisoffenen Diskurs unerlässlich. Die Auseinandersetzung mit dem wirtschafts- und erkenntnistheoretischen Hintergrund von Methodik und das Lehren von verschiedenen Methoden und Theorien verhindert die flächendeckende und einseitige Reproduktion von bestimmten dominanten Schulen bzw. ihrer Fehlern.

Die Volkswirtschaftslehre steht als Sozialwissenschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, als eine kritische Wissenschaft im obigen Sinne aufzutreten. Nur durch einen kontinuierlichen Prozess der kritischen Reflexion ihrer Strömungen und der Verknüpfung mit anderen Disziplinen, können aktuelle Entwicklungen angemessen analysiert und verantwortungsvoll fundierte gesellschaftspolitische Empfehlungen abgegeben werden. 

Dies ist in der Wissenschaft, und vor allem in der Lehre an Universitäten, leider nicht selbstverständlich. Der Arbeitskreis Plurale Ökonomik Hamburg http://www.plurale-oekonomik-hamburg.de/des Netzwerks Plurale Ökonomik e.V. https://www.plurale-oekonomik.de/netzwerk-plurale-oekonomik/setzt sich für eine größere Vielfalt an ökonomischen Theorien und Methoden an der Universitäten ein. Eine Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis bietet sich daher an. Indem die Kooperation nicht nur die Inhalte von Lehrveranstaltungen betrifft, sondern ganz essentiell das Wesen von Lehre, Lernen und Bildung umfasst, werden auch umfassende Maßstäbe und Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllt. 

So ist das Seminar Plurale Ökonomik ein Schlaglicht auf sozialökonomischer Lehre, welches einen nachhaltigen Beitrag für mehr Vielfalt in der Volkswirtschaftslehre leistet und mitunter auch eine Strahlkraft für andere wissenschaftlichen Bereiche entwickeln kann.

Martin Sauber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter zur Lehre unter der Professur von Ulrich Fritsche.

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