Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Arbeitsweltliche Ursachen von Rechtspopulismus

26. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Wolfang Menz

Spätestens seit dem Einzug der AfD in den Bundestag und die Länderparlamente hat sich die Diskussion über die Ursachen von rechtspopulistischen Orientierungen intensiviert. Quantitative Studien zeigen, dass es keineswegs in erster Linie „Modernisierungsverlierer“ wie prekär Beschäftigte oder Arbeitslose sind, die zu Rechtspopulismus neigen. Überproportional häufig sind dagegen Arbeiter und niedrige Angestellte in der entsprechenden Wähler*innenschaft vertreten. Damit liegt nahe, dass arbeitsweltliche Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen.

Aber was sagt eigentlich die Arbeitssoziologie dazu? Eine Auswertung von aktuellen qualitativen Studien zu Arbeitserfahrungen und Gerechtigkeitsansprüchen von Arbeitnehmer*innen, die an der Professur für Soziologie, insbesondere Arbeit, Organisation und Innovation, gemeinsam mit dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München durchgeführt wurde, formuliert folgende Thesen:

Es sind weniger tatsächlich erlebte Abstiegsprozesse, die zur Verunsicherung und zu Ängsten von Beschäftigten führen, als vielmehr eine grundsätzliche Irritation ihres Leistungsbewusstseins. Angesichts von permanenter unternehmerischer Reorganisation und dem Übergang zum „aktivierenden“ Wohlfahrtsstaat können sich die Arbeitnehmer*innen immer weniger auf betriebliche und sozialstaatliche Sicherungen verlassen. Das Vertrauen in die individuelle Leistungsfähigkeit als Sicherheitsanker wird dadurch wichtiger, angesichts steigender Anforderungen und Belastungen zugleich aber fragiler.

„Leistung“ dient zudem zur Selbstrechtfertigung der erreichten eigenen Position in der Arbeitswelt. Das meritokratische Prinzip – gesellschaftliche Ungleichheit bestimmt sich legitimerweise durch unterschiedliche Leistungsbeiträge – erfährt weiterhin eine hohe normative Unterstützung. Auch diese Vorstellung wird allerdings gegenwärtig verunsichert. Die kürzliche globale Wirtschafts- wie auch die Eurokrise und die Migrationsbewegungen machen deutlich, dass es keineswegs nur der verdiente Ertrag der eigenen Leistung ist, der die im globalen Maßstab immer noch vergleichsweise privilegierte soziale Lage der Arbeitnehmer*innen ausmacht. 

Die Figur der „Geflüchteten“ stellt die Legitimität der eigenen sozialen Position und zugleich die Basis des (ohnehin schon fragilen) eigenen Sicherheitsempfindens infrage. Deshalb reagieren Rechtspopulisten aggressiv auf sie. Indem ihnen ungerechtfertigte Privilegien oder ein Selbstverschulden ihrer Situation zugeschrieben wird, kann am Glauben an eine leistungsgerechte Ordnung festgehalten werden. Die Deutungsmuster für entsprechende Ausblendungen und Abwertungen stellt der Rechtspopulismus bereit. 

Dies ist allerdings keineswegs zwangsläufig: Genauso möglich ist eine subjektive Verarbeitung von Arbeitserfahrungen in Gestalt von solidarischen Orientierungen. 

Ein Artikel dazu von Wolfgang Menz und Sarah Nies erscheint in den WSI-Mitteilungen: Schwerpunktheft 3/2019, „Rechtspopulismus und die soziale Frage – Herausforderungen für Arbeitswelt und Gewerkschaften“

Wolfgang Menz ist Professor für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation und Innovation.

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