Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Vom Vorwurf des Greenwashings zum Branchenprimus: Entgiftung in der textilen Lieferkette bei adidas

22. Mai 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Dirk Gilbert und Jordis Grimm

International Accountability Standards (IAS) sollen Unternehmen Hilfestellung zur Planung und Steuerung von Nachhaltigkeitsaspekten geben. Es sind Standards, die Unternehmen unterstützen sollen, sich „accountable“ also verantwortlich im Hinblick auf unterschiedliche Aspekte nachhaltiger Entwicklung zu zeigen. Beispiele sind etwa der Umweltmanagementstandard ISO 14001 oder der Global Compact der Vereinten Nationen. Damit es gelingt, durch IAS einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten, müssen Unternehmen solchen Standardinitiativen nicht nur beitreten, sondern die im Standard formulierten Anforderungen auch substantiell umsetzen. Die Selbstverpflichtung durch einen Beitritt zu einer Standardinitative mündet aber nicht automatisch in tatsächlich veränderten Verhaltensweisen. Manchmal treten Unternehmen bestimmten Initiativen bei, zeigen also nach außen Flagge, verändern aber nach innen ihre Abläufe kaum. In der Forschung spricht man dann von einer Entkopplung zwischen dem nach außen gerichteten Kurs und der tatsächlichen Praxis (policy-practice decoupling). Es besteht Uneinigkeit darüber, was zu einer solchen Entkopplung führt und ob und wie sich die Umsetzungspraktiken in Unternehmen über die Zeit verändern. Besonders interessant sind solche Fälle, in denen Unternehmen nach einer gewissen Zeit der Entkopplung ihre inneren Abläufe doch substantiell verändern. Also eine Rückkopplung zwischen Policy und Praktiken vornehmen. 

Einen solchen Fall untersuchen wir in einem empirischen Forschungsprojekt. Im Jahr 2011 lancierte die Nichtregierungsorganisation Greenpeace eine breit angelegte Kampagne zum besseren Management hoch toxischer Chemikalien in internationalen, textilen Wertschöpfungsketten. Sie forderten große Unternehmen der Sport- und Modebranche auf, ihrer Detox-Initiative beizutreten und sich zu verpflichten, bis 2020 ihre gesamte Wertschöpfungskette giftfrei zu gestalten. Adidas trat der Detox-Initiative zunächst bei, wurde aber von Greenpeace zwei Jahre später öffentlich als Greenwasher denunziert, da das Unternehmen zu wenige Schritte unternommen habe, um seine Ziele tatsächlich erreichen zu können. Inzwischen gilt Adidas aber als Vorzeigeunternehmen hinsichtlich des Chemikalienmanagements über die gesamte Wertschöpfungskette. Diese Entkopplungs-Rückkopplungs-Dynamik möchten wir untersuchen. Besonders interessiert uns dabei die Frage wie sich die institutionelle Ebene – also der Standardgeber Greenpeace, die organisationale Ebene – also das Top-Management von Adidas, sowie die Gruppenebene – also diejenigen Führungskräfte, die Produktentwicklung und Einkauf verantworten, gegenseitig beeinflussen. Das Projekt läuft von Anfang 2019 bis Ende 2020, basiert auf qualitativer Interviewforschung und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über die Sachbeihilfe finanziert. Kooperationsvereinbarungen mit Adidas und Greenpeace liegen vor. 

Dirk Ulrich Gilbert ist Professor für BWL, insb. Unternehmensethik. Jordis Grimm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur im Bereich strategisches Management und Unternehmensethik.

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