Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Crowdwork und gesellschaftliche Teilhabe: ein widersprüchliches Verhältnis?

25. Juli 2019 FB SozÖk

Von Daniela Rastetter, Wolfgang Menz, Florian Schramm, Iris Nowak und Wiebke Frieß

Neue digitale Technologien verändern Arbeitsprozesse, berufliche Tätigkeitsfelder und vorherrschende Lebensweisen. Als eine Organisationsform digitaler Arbeitsmärkte etabliert sich gegenwärtig Crowdwork.

In dem vom BMAS für drei Jahre (April 2019 – März 2022) geförderten Forschungsprojekt „Teilhabe durch Crowdworking: Eine Analyse der Gelingensbedingungen einer Innovation für Personengruppen mit erschwerter Teilhabe am Erwerbsleben“ fragen wir danach, welche neuen Handlungsmöglichkeiten mit dieser Art der digitalen Arbeit verbunden sind oder sein können. Zwar weisen bisherige Studien auf diverse Risiken dieser Arbeitsform hin. Beispielsweise ist das erzielte Einkommen häufig gering und arbeitsrechtliche Standards fehlen genauso wie soziale Absicherung. Ausgehend von solchen Erkenntnissen wollen wir dennoch den Fokus darauf richten, inwiefern Crowdwork Potenziale beinhaltet, die – bei einer entsprechenden politischen und ökonomischen Gestaltung – unterschiedlichen Beschäftigtengruppen einen weiteren Zugang zu Erwerbsarbeit bieten können.

Vor diesem Hintergrund fragen wir danach, inwieweit die Zeit- und Ortsunabhängigkeit von Crowdwork Menschen entgegenkommt, die nicht oder nur erschwert am klassischen Arbeitsmarkt partizipieren können. Uns interessiert, inwiefern Crowdwork die Teilhabechancen in den Arbeitsmarkt beispielsweise von Menschen mit Behinderung, von Menschen mit Sorgeverpflichtungen im Privaten oder von Menschen, die in ländlichen strukturschwachen Regionen leben, erhöht. Sofern für weitere Personengruppen, die bisher noch nicht im Fokus der Forschung sind, gewachsene Teilhabechancen deutlich werden, sollen auch diese aufgezeigt werden.

Folgende Forschungsfragen bearbeiten wir in dem Projekt:

  • Welche Teilhabechancen kann Crowdworking für Personen mit erschwerter Partizipation am Erwerbsleben bieten?
  • Welche Risiken und neuen Ungleichheitsformen können entstehen?
  • Wie ist die Qualität der entstehenden Arbeitsverhältnisse zu bewerten?
  • Unter welchen konkreten Bedingungen können diese Gruppen mit Crowdworking ihre Teilhabe verbessern und gut gestalten?

Unser Ziel ist es, Vorschläge zu entwickeln, wie Crowdwork so gestaltet werden kann, dass die Inklusion unterschiedlicher sozialer Gruppen gestärkt wird und hierbei gute Arbeitsbedingungen hervorgebracht werden. Wir entwerfen Maßnahmen, mit denen Plattformbetreiber und Auftragsunternehmen für die Frage nach Teilhabe der verschiedenen Gruppen sensibilisiert werden. Hierfür bilden wir ein Netzwerk, in dem ganz unterschiedliche Akteur*innen aus Theorie und Praxis – wie Crowdworker*innen, Plattformverantwortliche, Interessensverbände und andere Forschungskontexte – diese Fragen diskutieren.

Das Projekt wird gemeinsam von Prof. Dr. Daniela Rastetter, Prof. Dr. Wolfgang Menz und Prof. Dr. Florian Schramm durchgeführt. Iris Nowak und Wiebkje Frieß werden in dem Projekt arbeiten.

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Lehre in der Statistik – Eine Liebeserklärung an den offenen Hochschulzugang

23. Juli 2019 FB SozÖk

Von Dr. Kristin Paetz

Statistische Grundlagen zu erlernen ist mühsam, aber wichtig, insbesondere in der Sozialökonomie. Die einzelnen Disziplinen VWL, BWL, Soziologie und Rechtswissenschaft zeichnen sich durch die Konkurrenz verschiedener Theorien aus, die weder eindeutig bewiesen noch falsifiziert werden können, wie es in den Naturwissenschaften die Regel ist. Eine Sozialwissenschaft ist stattdessen darauf angewiesen, dass sich im wissenschaftlichen Diskurs eine Mehrheitsmeinung bildet. Die Orientierung an empirischen Fakten und ihre praxisbezogene Analyse ist daher konstitutiv und ein Herzstück des Erkenntnisgewinns in der Sozialökonomie.

Ich freue mich sehr, in meinen Statistik-Vorlesungen die notwendigen Grundlagen hierfür vermitteln zu dürfen, insbesondere bei unserer besonderen Studierendenschaft. Bis zu 40% der Studienplätze sind für Studierende ohne Abitur vorgesehen. Diese Studierenden bringen stattdessen häufig eine Ausbildung und/oder Berufserfahrung mit. Aufgrund ihrer fundierten Praxis- und Lebenserfahrung haben sie ein großes inhaltliches Interesse. Die Zusammensetzung der gesamten Studierendenschaft ist äußerst heterogen; dies betrifft die mathematische Fähigkeiten, aber auch das Interesse und die Vorkenntnisse der vier genannten Disziplinen.

Studierende aber auch Lehrende profitieren enorm von dieser Heterogenität. Die Studierenden sind größtenteils politisch interessiert, intrinsisch motiviert und ausgesprochen kritisch. Genau diese Eigenschaften wünscht man sich als Lehrende. Statistische Kennzahlen und Forschungsergebnisse werden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und mit unterschiedlicher Lebenserfahrung interpretiert. So kann auch ein vermeintlich trockenes Fach wie Statistik plötzlich praxisrelevant und spannend werden. Im Austausch unterstützen die Leistungsstärkeren die Leistungsschwächeren, wobei diese Rollen bei unterschiedlichen Fragestellungen häufig wechseln.

Die Lehre in der Sozialökonomie ist besonders herausfordernd, aber auch ungemein bereichernd. Die Studierenden geben nämlich kontinuierliches Feedback. Nach einer gelungenen Vorlesung wird einem nicht selten persönlich gedankt, eine Anerkennung, die in der Lehre sonst nur sehr selten zu finden ist. Aber ebenso wird nicht mit Kritik gespart, wenn diese angebracht ist, wodurch die Dozierenden sich und ihre Lehre hinterfragen und weiterentwickeln können. Von diesem Austausch profitieren beide Gruppen gleichermaßen, Studierende wie auch Lehrende.

Dr. Kristin Paetz am 20. Juni 2019 für ihr überzeugenden didaktischen Konzept der Veranstaltung „Statistik“ von Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank mit dem Hamburger Lehrpreis ausgezeichnet worden. Sie ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Lehre in der VWL der Sozialökonomie.

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Interdisziplinarität als Spezialität

13. Juni 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Sebastian Späth

Der Begriff Universität steht für die Gemeinschaft der Wissenschaften (universitas litterarum). Die organisatorische Unterteilung dieser Gemeinschaft in Fakultäten und Disziplinen (Fächer) fördert allerdings nicht unbedingt die gemeinschaftliche Arbeit der Wissenschaften, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit ähnlich ausgebildeten Personen aus den gleichen Disziplinen. Auch Karriereimpulse und Reputation basieren standardmäßig vor allem auf Erfolgen mit Publikationen in der eigenen Disziplin. Karin Knorr-Cetina hat die Problematik des Austausches zwischen verschiedenen Fächern (oder sogar Subfeldern eines Faches) schön beschrieben. Diese entwickeln unterschiedliche epistemische Kulturen und verwenden beispielsweise unterschiedliche wissenschaftliche Sprachen und Kulturen, die einen Wissensaustausch schwierig bis unmöglich machen.

Bei der Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg ist zu unterscheiden zwischen multidisziplinären, interdisziplinären und transdisziplinären Vorgehensweisen.

Multidisziplinär ist Forschung dann, wenn sich verschiedene Disziplinen aus ihrer jeweiligen Sichtweise mit der gleichen Fragestellung befassen.

Wenn beispielsweise die Entscheidungsfindung eines Managers sowohl von Neurobiologen mittels einer Tomographie als auch von Verhaltensökonomen untersucht wird, jedoch jeder Forscher „in seinem Revier“ bleibt, handelt es sich um multidisziplinäre Forschung. Oft findet diese parallel und ohne Interaktionen der Fächer statt.

Interdisziplinär ist Forschung dann, wenn Wissen, Theorien oder Methoden anderer Disziplinen mit denen der eigenen Disziplin verknüpft werden und es zu einer Synthese kommt. Als Forscher muss man hier über den eigenen Tellerrand hinausblicken, „Conceptual Blending“ zwischen den epistemischen Kulturen und Theorien betreiben und die Terminologien anderer Fächer begreifen lernen.

Transdisziplinarität ist von Interdisziplinarität schwieriger abzugrenzen: hier entstehen integrierte Modelle, die die Grenzen einer Disziplin überschreiten und Relevanz jenseits einzelner Disziplinen aufweisen. Oft spricht man von Transdisziplinarität, wenn Ergebnisse nicht nur innerhalb einer Disziplin-„Blase“ verbleiben, sondern genutzt werden, um Auswirkungen auch außerhalb der Elfenbeintürme zu bewirken. Wenn beispielsweise psychologische Modelle herangezogen werden, um die Charakteristika von potentiellen Problem(Glücks-)spielern zu identifizieren und dabei Regelungen vorgeschlagen werden, um Spielsucht vorzubeugen, kann man von transdisziplinärer Forschung sprechen.

Die Sozialökonomie hat den Vorteil, in ihrer organisatorischen Struktur und inhaltlichen Ausrichtung interdisziplinär angelegt zu sein. Sozialökonomisch zu forschen und zu lehren impliziert die Zusammenarbeit mit Kollegen verschiedener Disziplinen.

Das Fachgebiet der Sozialökonomie, das sich zur Aufgabe gemacht hat, „Wechselwirkungen von Wirtschaft und Gesellschaft aus verschiedenen, sich ergänzenden Blickwinkeln – der Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Rechtswissenschaft“ mit gesellschaftspolitischer Relevanz zu untersuchen, ist von seiner Grundausrichtung inter- und transdisziplinär ausgelegt. Dies erfordert Toleranz und Verständnis und macht die Arbeit schwieriger, jedoch auch interessanter, relevanter und spannender.

Sebastian Späth leitet die Professur für BWL/Digitale Märkte an der Universität Hamburg.

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Antidiskriminierung, Gleichstellung und Diversity Management

30. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Daniela Rastetter

Sowohl in Forschung und Lehre als auch in meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte der WiSo-Fakultät interessieren mich Fragen des Abbaus von Diskriminierung in Organisationen und Möglichkeiten der Förderung von Gleichstellung. Diese Fragen betreffen insbesondere Geschlecht, aber auch andere Dimensionen, theoretisch alle, die zu Diskriminierung in Organisationen führen können. Durch Gleichbehandlungsgesetze sind die Dimensionen zugeschriebene Rasse, ethnische Herkunft, Geschlecht, Alter, Behinderung, sexuelle Identität sowie Religion und Weltanschauung vor Diskriminierung geschützt. In der Praxis geschehen jedoch immer wieder Benachteiligungen auch hinsichtlich dieser Merkmale, da das Gesetz Handlungsspielräume zulässt oder nicht immer befolgt wird. Der Ansatz des Diversity Managements hat zum Ziel, Bedingungen zu schaffen, durch die alle Organisationsmitglieder, ungeachtet ihrer Gruppenzugehörigkeiten, ihre Potentiale entfalten können und Konflikte vermieden werden. Differenz wird nicht mehr als Problem, sondern als Ressource betrachtet. 

Spannend ist hierbei, wie diese Ziele in Organisationen verhandelt und umgesetzt werden. Ausgehend von der Annahme, dass es verschiedene Interessengruppen gibt, die unterschiedliche Ziele bezüglich Gleichstellung verfolgen, sind Antidiskriminierung und Diversity ein umkämpftes Terrain und die Erfolge hängen stark von der Durchsetzungsmacht der Akteur*innen, der Kultur der Organisation und den Rahmenbedingungen (u.a. Unternehmensstrategie, Größe, politische Vorgaben) ab. 

Neu konturiert wird das Feld der Gleichstellung durch neue Arbeitsformen und den Wandel der Arbeit. Flexibilisierung, Digitalisierung und Entgrenzung der Arbeit schaffen neue Möglichkeiten der Chancengleichheit, aber auch neue Herausforderungen. Zu den Chancen zählen verbesserte Teilhabemöglichkeiten am Arbeitsmarkt von Gruppen, die erschwerten Zugang zu Arbeit haben, durch flexibilisierte und digitalisierte Arbeit. Zu Herausforderungen gehören die zunehmend heterogenen Beschäftigungsverhältnisse in Organisationen (Zeitarbeit, Werkverträge, freie Mitarbeit etc.), die eine kollektive Interessendurchsetzung erschweren.  

Vor diesem Hintergrund arbeiten wir beispielsweise zu folgenden Fragen: 

  • Welche Erfolge haben Gleichstellungsmaßnahmen und Diversity Management unter verschiedenen organisationalen Bedingungen? Welchen Stellenwert haben dabei Gleichbehandlungsgesetze?
  • Welchen Einfluss hat die Digitalisierung von Arbeit auf Gleichstellung und Diskriminierung am Arbeitsplatz?
  • Welche Strategien setzen die unterschiedlichen Akteur*innen ein, um Gleichstellungsziele zu erlangen? Beispielsweise Frauen mit Aufstiegsmotivation: wie können sie sich in einem männerdominierten Umfeld behaupten?

Im Rahmen der Gleichstellungsarbeit an unserer Fakultät geht es um die Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses, um die Zahl der Professorinnen zu erhöhen, aber auch um Work-Balance-Fragen, die sowohl Frauen als auch Männer betreffen (damit die häusliche Care-Arbeit gerecht aufgeteilt wird) und Nichtdiskriminierung anderer Gruppen wie Beschäftigte mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung.

Daniela Rastetter ist Professorin für BWL, insb. Personal und Gender. Sie ist zudem Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

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