Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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MASTER – Management ständiger Erreichbarkeit

12. Juli 2019 FB SozÖk

Von: Prof. Dr. Wolfgang Menz, Konstantin Krueger und Coco Klußmann

Im Zuge des Forschungsprojektes MASTER werden in Kooperation mit der Uni Freiburg die Formen, Auslöser und Auswirkungen ständiger Erreichbarkeit sowie individuelle Umgangsweisen damit untersucht. Für die qualitative Forschung wurden Arbeitnehmer_innen der IT-Dienstleistungsbranche, Finanzdienstleistungsbranche, des Gastgewerbes, sowie schulische Lehrkräfte mittels leitfadengestützter Interviews befragt.

Was aber bedeutet ständige Erreichbarkeit eigentlich? Ständige Erreichbarkeit im Allgemeinen meint die unregulierte Verfügbarkeit von Arbeitenden für Arbeitsbelange außerhalb der regulären Arbeitszeiten und außerhalb des regulären Arbeitsortes. Der Begriff der ständigen Erreichbarkeit kann zudem in Form von „erweiterten Erreichbarkeit“ oder „digitaler Konnektivität“ noch weiter differenziert werden. Hierbei ist die Richtung der Erreichbarkeit zu unterscheiden, d.h. die Frage, von welcher Lebensdomäne diese ausgeht. So können erweiterte Erreichbarkeit und digitale Konnektivität von der Privatsphäre aus in die Arbeit gerichtet sein, wie auch umgekehrt. In unserem Forschungsprojekt interessieren wir uns für erweiterte Erreichbarkeitsformen.

Durch die zunehmende Digitalisierung wird mit mobilen Devices und Messengerdiensten eine solche Erreichbarkeit immer einfacher. Für die Arbeitnehmer_innen wird es dabei schwieriger, im wahrsten Sinne des Wortes „abzuschalten“. Die bisherigen Ergebnisse zeigen unterschiedliche Auslöser arbeitsbezogener eweiterter Erreichbarkeit. Diese sind einerseits sachlich-funktionale Erreichbarkeitsnotwendigkeiten und soziale Erreichbarkeitskulturen, andererseits intrinsische Entlastungsstrategien sowie proaktive Erreichbarkeitsroutinen. Die persönlichen Leitbilder sowie der Umgang mit dem Thema Erreichbarkeit sind bei den Beschäftigten sehr individuell. Zudem wird die Erreichbarkeit von den Betroffenen besonders dann als psychisch belastend beschrieben, wenn dem persönlichen Leitbild durch die eingesetzten Handlungs- und Umgangsstrategien nicht entsprochen werden kann.

In manchen Branchen, wie etwa im Gastgewerbe, ist die Erreichbarkeit schon seit langer Zeit in der Berufskultur verankert und wird somit oftmals kaum kritisch reflektiert. Damit Beschäftigte sich besser schützen können, ist es wichtig ein Bewusstsein für das Thema und die Konsequenzen erweiterer arbeitsbezogener Erreichbarkeit zu entwickeln. Dies gilt sowohl für die Beschäftigten selbst als auch für Betriebe und Institutionen.

Für weitere Informationen besuchen Sie gerne unsere Homepage unter http://www.erreichbarkeit.eu/ (externer Link).

Wolgang Menz ist Professur für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation und Innovation. Coco Klußmann und Konstantin Krüger arbeiten als Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen in diesem Bereich.

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Dissertationsvorhaben zum Thema digitale Plattformökosysteme

12. Juni 2019 FB SozÖk

Von Sven Niederhöfer, M.Sc.

Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung sehen sich Unternehmen einem zunehmenden Innovationsdruck sowie starken Dynamiken in ihrer Umwelt ausgesetzt. Dennoch eröffnen digitale Technologien auch neue Möglichkeiten, indem sie zur Steigerung der Effizienz von Abläufen und der Vernetzung von Menschen beitragen können. Eine besondere Rolle nehmen dabei digitale Plattformen ein, die in der Regel aus einem Softwarefundament bestehen, welches eine modulare Erweiterung durch komplementäre Produkte und Dienste ermöglicht. Sie können dabei in zahlreichen Kontexten implementiert werden, darunter Industrie 4.0, Connected Cars und Smart Devices, um einige zu nennen.

Digitale Plattformen erlauben es Unternehmen eine Vielzahl von Beiträgen wie Softwareanwendungen, Videos, Musik oder Texte als auch Bauteile und Produkte von Partnern außerhalb des Unternehmens zu nutzen, um den Endnutzern ein attraktives und umfangreiches Angebot zu machen. So können Kunden von Apple aus einem Angebot von mehr als 2 Millionen Anwendungen wählen und ihre Geräte so um Funktionen beliebig erweitern. Die hauseigenen Geräte wie Laptops, Smartphones, Tablets und Set-Top-Boxen können untereinander mittels Cloud verbunden werden und bilden somit ein geschlossenes System. Ähnlich ist Googles Android-Plattform ausgestaltet, die jedoch überwiegend in Verbindung mit Geräten von Partnern dem Kunden ein umfangreiches Angebot liefert. Diese lose verbundenen Netzwerke von unterschiedlichen Akteuren, die kooperieren, um ein gemeinsames Wertversprechen zu realisieren und gleichzeitig eigene Interessen verfolgen werden in der neueren Literatur aufgrund der Ähnlichkeiten zu biologischen Ökosystemen als „Business Ecosystems“ bezeichnet und erforscht.

Viele namhafte Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben diese Perspektive adoptiert, mit der Absicht einen ähnlichen Erfolg zu erzielen. Dennoch stellen sie Unternehmen vor Herausforderungen, da sie Kontrolle an ihre Ökosystem-Partner abgeben müssen und ihr Erfolg sowie der des gesamten Ökosystems von den Aktivitäten dieser Partner abhängt.

In meiner Dissertation befasse ich mich deshalb mit Dynamiken, die innerhalb solcher Netzwerke aufgrund der Interessenskonflikte entstehen und welche Mechanismen dazu beitragen können Konsens herzustellen, um eine positive Entwicklung des Systems als Ganzes zu ermöglichen.

Sven Niederhöfer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Management & Digital Markets der Universität Hamburg.

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Vorstellung des Lehrstuhls für Deutsches und Internationales Arbeits- und Sozialrecht und Rechtsvergleichung

03. Mai 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Marita Körner, Fabia Brauckkoff und Anna Eisele

Sozialökonomie – ein Wissenschaftsbereich der sich nicht nur mit Ökonomie und Soziologie, sondern auch mit rechtswissenschaftlichen Themen befasst. Zu Letzteren zählt insbesondere das Arbeits- und Sozialrecht, welches an der Fakultät durch den Lehrstuhl für Deutsches und Internationales Arbeits- und Sozialrecht und Rechtsvergleichung vertreten wird. 

Die besondere Bedeutung dieses Forschungsbereichs liegt dabei in seiner hohen Aktualität und Lebensnähe. So sind derzeit in Deutschland ca. 41 Millionen Erwerbstätige abhängig beschäftigt. Für die meisten stellt ihre Arbeit ihre Lebensgrundlage dar. Arbeitsrechtliche Fragestellungen und damit einhergehende Rahmenbedingungen sind daher vielgestaltig. 

Der arbeitsrechtliche Lehrstuhl stellt sich diesen Fragestellungen. Von A wie Arbeitsvertrag bis Z wie Zeitarbeit begleitet und analysiert er politische Reformen sowie Entscheidungen der Rechtsprechung. 

Derzeit besonders aktuell ist das Thema der Digitalisierung, das gerade in aller Munde ist und von Tag zu Tag sicht- und spürbarer wird. Mit arbeitsrechtlichem Bezug ergeben sich hier spannende Fragestellungen etwa zum Arbeitnehmerdatenschutz: Welche Daten darf ein Arbeitgeber beispielsweise abfragen und darf er sich „Big Data“ zunutze machen?  Wofür darf er die Arbeitnehmerdaten zudem verwenden? Darf er sie, eventuell sogar mittels Algorithmen, analysieren um „Low-Performer“ ausfindig zu machen oder zu entscheiden, wen er einstellt oder als nächstes kündigt? Hier bedarf es nicht nur juristischen Sachverstandes, sondern auch eines guten Gespürs für technische Möglichkeiten und Neuerungen, sowie eines Quäntchens Kreativität um alle Interessen angemessen in Lösungsansätze einfließen zu lassen. 

Darüber hinaus kommen aber auch „klassische“ arbeitsrechtliche Themen nicht zu kurz. Mit „Arbeit 4.0“ ergeben sich neue Beschäftigungsformen und damit einhergehende Regelungserfordernisse. Neuerungen, insbesondere im Bereich der Vergütung von Überstunden und der betrieblichen Altersversorgung sind die Folge. Hinsichtlich der Überstunden etwa kann sich die Frage „Was ist eigentlich Arbeitszeit und soll Leistung zu verschiedenen Uhrzeiten verschieden bezahlt werden?“ besonders vor dem Hintergrund mobiler, digitaler Arbeit neu stellen. Im Bereich der betrieblichen Altersvorsorge sind der demographische Wandel der letzten hundert Jahre und das Entstehen neuer Arbeitsformen ins Auge zu fassen und über mögliche Regelungen zum Ausgleich drohender Altersarmut nachzudenken. 

Insgesamt besticht der Rechtsbereich Arbeitsrecht somit mit seiner Vielgestaltigkeit und Praxisrelevanz und ist damit vor allem für ein umfassendes Verständnis sozial-ökonomischer Zusammenhänge essentiell.

Marita Körner ist Professorin für Deutsches und Internationales Arbeits- und Sozialrecht und Rechtsvergleichung. Fabia Brauckhoff und Anna Eisele sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in diesem Bereich.

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‚Flipped Gender‘: Forschendes Lernen in der Geschlechtersoziologie

15. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Almut Peukert

‚Männer‘ und ‚Frauen‘ sind uns allen als Alltagsphänomen bekannt und Geschlecht eine unhinterfragte Gewissheit und Selbstverständlichkeit. Gemeinsam mit den Studierenden gehe ich in der Veranstaltung ‚Einführung in die Genderforschung‘ im Bachelor Sozialökonomie auf Entdeckungsreise, wie Geschlecht theoretisch und empirisch mit welchen Ergebnissen erforscht wird. Vermeintliche Alltagsgewissheiten sollen wissenschaftlich hinterfragt werden. 

Das Projekt ‚Flipped Gender‘ verfolgt die Integration von digitaler Wissensvermittlung und forschendem Lernen in dieser Lehrveranstaltung. Studierende erarbeiten sich das Grundlagenwissen selbstständig mittels digitaler Lerneinheiten aus Texten und kontextualisierenden Lehrvideos. Entstehende Freiräume in der Präsenzphase werden zur Wissensvertiefungin einem flipped-classroom und zur Wissensanwendungdurch forschendes Lernen genutzt. Das heißt, in kleinen Projekten sollen die Studierenden problemorientiert Geschlechterungleichheiten im Bereich Arbeit, Organisation und Familie auf die Spur kommen und Erklärungsansätze verstehen, kritisch reflektieren und Gestaltungsmöglichkeiten diskutieren. Ziel ist die Entwicklung einer fundierten Theorie-Methoden-Kompetenz für das Feld der Geschlechterforschung, die Bezüge zu anderen Forschungsfeldern der Soziologie (soziale Ungleichheit, soziologische Theorie, Methoden) herstellt und interdisziplinäre Perspektiven integriert. Dazu werden soziale Phänomene und Probleme mit Blick auf Geschlechterdifferenzierungen und Geschlechterungleichheit anhand empirischer Untersuchungen u.a. in den Feldern Arbeit(-smarkt), Organisation, Globalisierung sowie Elternschaft und Familie thematisiert und diskutiert.

‚Flipped Gender‘ umfasst die inhaltliche Konzeption und Umsetzung der Produktion von ca. drei bis fünf Lehrvideos, die Erstellung digitaler Lerneinheiten mit Lehrvideos, Leitfragen und Fragepools (in ARSnova) sowie die Konzeption der Problemstellungen (Fragen und Material) für das forschende Lernen. Das Projekt wird von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gefördert (Laufzeit 04/2019 bis 07/2020).

Almut Peukert ist Juniorprofessorin für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation, Gender. Mit dem von ihr geleitetem Projekt „Flipped Gender“ wird die Veranstaltung „Einführung in die Genderforschung“ des BA Sozialökonomie grundlegend neu gestaltet.

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