Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Forschungsreise entlang einer Schuhlieferkette nach China

03. April 2019 FB SozÖk

Von Stephanie Schrage, M.A.

In vielen produzierenden Ländern der Welt sind die Mindestlöhne auf einem Niveau unterhalb der Armutsgrenze festgelegt. Aus diesem Grund fordern Arbeitsrechtsorganisationen und andere Stakeholder westliche Unternehmen immer wieder auf, ArbeiterInnen in ihren Lieferketten einen existenzsichernden Lohn (Englisch: Living Wage) zu zahlen. Der Living Wage ist in Artikel 23(3) der Menschenrechte festgeschrieben. Viele westliche Marken und Einzelhändler haben sich daher freiwillig dazu verpflichtet, einen solchen existenzsichernden Lohn zu zahlen. In der Umsetzung der Zahlung stoßen sie jedoch auf Barrieren: Die ArbeiterInnen, die den erhöhten Lohn erhalten sollen, sind meist bei unabhängigen Lieferanten entlang intransparenter und langer Lieferketten beschäftigt, die rechtlich unabhängig von ihren westlichen Kunden sind. 

Wie können Marken und Einzelhändler nun dennoch Living Wages in ihren Lieferketten implementieren? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, machte ich mich im Rahmen meiner Doktorarbeit von 2017-2018 auf die Reise entlang einer Schuhlieferkette zwischen Deutschland und China. Ich begann mit Interviews bei einem großen deutschen Einzelhändler, der sich das Ziel auferlegt hatte, bis 2020 Maßnahmen einzuleiten, um Living Wages in seinen Lieferketten zu zahlen. Der Lieferkette folgend war meine nächste Station ein Importeur, der sowohl in Deutschland, als auch in Süd-China einen Sitz hatte. Ich begleitete Nachhaltigkeitsmanager des Importeurs zu vier Schuhfabriken, wo ich zahlreiche Interviews führte und teilnehmend beobachten konnte. Zwei der Fabriken waren Endfertiger, wo Schuhe genäht, geklebt und verpackt wurden. Zwei waren Materialzulieferer, die Kunstleder und Textillien als Sublieferanten herstellten. 

In Interviews mit Arbeitern und Arbeiterinnen, Fabrikmanagern, Einkäufern und Nachhaltigkeitsmanagern stellte sich heraus, dass das Problem in China ein ganz besonderes ist: Zwar erhalten alle ArbeiterInnen in den betrachteten Fabriken einen Mindestlohn, der auch knapp auf einem existenzsichernden Niveau ist, jedoch arbeiten sie dafür zehn bis zwölf Stunden am Tag, an sieben Tagen die Woche. Dieses immense Überstundenproblem gilt es demnach bei gleichbleibendem Lohnniveau zu adressieren. Zusammen mit den Unternehmen entlang der Lieferkette entwickelte ich Lösungsansätze. Diese beinhalteten verändertes Einkaufsverhalten der westlichen Kunden, Trainings und verstärkte Zusammenarbeit mit den Fabrikmanagern. In zwei Papers, die Teil meiner Doktorarbeit sind, verarbeite ich die gesammelten Daten wissenschaftlich und gebe Empfehlungen für Unternehmen und Nachhaltigkeitsmanager, ausgehend von meiner Fallstudie der Schuhindustrie.

Stephanie Schrage promoviert am Fachbereich Sozialökonomie in der BWL.

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