Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Armut über Generationen

24. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Petra Böhnke, Dr. Marion Fischer-Neumann und Dr. Janina Zölch

„Das ist nicht schön, kein Geld zu haben. Man traut sich das auch gar nicht irgendwo zu sagen“, erzählt die 23-jährige Alina in einem Interview über ihre Lebensgeschichte. Sie ist in einer armen Familie aufgewachsen und seit ihrem Realschulabschluss fast dauerhaft selbst im Hartz-IV-Bezug. Das Forschungsprojekt „Armut über Generationen“ geht unter der Leitung von Prof. Dr. Petra Böhnke der Frage nach, warum sich das Leben in Armut in manchen Familien über Generation hinweg hält. Und wie es der Kindergeneration in anderen Familien gelingt, die Armut zu durchbrechen. Dabei geht es vor allem um die Rolle von Familienbeziehungen, sozialen Netzwerken und des sozialräumlichen Umfelds. Eine Besonderheit des Projektes ist, dass es einem Mixed-Methods-Ansatz folgt, also sowohl große Datensätze statistisch auswertet (SOEP, pairfam) als auch selber ausführlich Betroffene befragt. Für diesen Interview-Teil werden in insgesamt 16 Familien (narrative) Interviews mit je einem Angehörigen der Eltern- und Kindergenerationen geführt. In den Interviews, die oftmals zwei und mehr Stunden dauern, gewinnt man einen vertieften Eindruck von den individuellen Lebensverläufen, Erfahrungen und Gefühlen der Menschen, die in finanziell schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind. Die Erzählungen machen die Herausforderungen eines Lebens in Armut deutlich und zeigen die vielfältigen Gründe dafür auf. Armut ist ein hochaktuelles Thema, das in den Medien häufig abstrakt oder mit Schuldzuweisungen diskutiert wird. Daher ist es besonders wichtig, die Lebensbedingungen in Armut und die Wege ihrer Weitergabe wissenschaftlich zu untersuchen. Für uns als Interviewerinnen stellt es einen unglaublichen Gewinn dar, einen so intensiven Einblick in die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten zu erhalten. Dabei ist es besonders aufschlussreich, was die Eltern und was die Kinder mitteilen, die wir einzeln interviewen und die Interviews dann in Bezug zueinander setzen. Es hat sich gezeigt, welch starken Einfluss die familialen Beziehungen und der Umgang der Eltern mit der Armutssituation auf den Lebensweg der Kinder ausüben. Bereits die ersten Auswertungsergebnisse zeigen, dass so manche landläufige Annahme darüber, zu verarmen, nicht stimmig ist. So können wir nicht bestätigen, dass arme Menschen sich durchweg fatalistisch und resigniert der Situation ergeben und keine Versuche unternehmen, etwas zu verändern. Im Gegenteil: Die Interviews zeigen Aktivität und Anstrengungen, die prekäre Lebenslage zu verändern und verdeutlichen, wie wichtig Unterstützung von außen dafür ist – von der Schule, von der Kirche, von Freunden, von Nachbarn, von Kommune und Staat.

Petra Böhnke ist Professorin für Soziologie, insb. Soziologie des sozialen Wandels. Marion Fischer-Naumann und Janina Zölch sind bereits promoviert und arbeiten in diesem Bereich. „Armut über Generationen“ ist ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt.

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