Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Forschung zu Corporate Social Responsibility in Autokratien

16. Mai 2019 FB SozÖk

Von Anna-Lena Maier

Deutsche Unternehmen sind in arabischen Autokratien wie Saudi-Arabien in große Infrastruktur-, Energie- und Bauprojekte involviert. Hierbei ergeben sich scheinbar unüberwindbare unternehmensethische Herausforderungen für die Geschäftspraxis vor Ort. Im Rahmen meines Promotionsprojekts untersuche ich den Einfluss der politisch-institutionellen Rahmenbedingungen auf die Bedeutung und Umsetzung der Corporate Social Responsibility (CSR) von Unternehmen, die in diesem Kontext tätig sind. Auf theoretischer Ebene verbinde ich die wissenschaftlichen Arbeiten der Management Studies zu CSR mit der politikwissenschaftlichen Autoritarismusforschung. Beide Forschungsstränge sind dabei durch eine gewisse Tendenz gekennzeichnet, „westliche“ Konzepte als universell gültig und anwendbar anzunehmen. Gleichzeitig finden sich hier und in der Praxis ebenso problematische Versuche eines unkritischen Relativismus – in arabischen Autokratien läuft es eben anders, also handeln wir als Unternehmen auch anders, als wir es in einer „westlichen“ Demokratie täten. 

Meine Forschung basiert vor allem auf Interviews mit Regierungsvertreter*innen, Manager*innen und von Großprojekten Betroffenen. Dies führte zu Forschungsreisen in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Jordanien, und wurde ergänzt durch Einblicke in die arabisch-deutsche Business-Community, die ich als Länderreferentin in einem Wirtschaftsverband erhielt. Im Rahmen meiner Interviewforschung habe ich einige Extreme erlebt: Interviews in Luxushotels folgten auf Gespräche mit Aktivist*innen an der jordanisch-syrischen Grenze, welche sich gegen ein Atomenergieprojekt zur Wehr setzten. 

In Autokratien zu forschen ist eine große Herausforderung. Die Themen – Korruption, die Rolle von Regierungsvertreter*innen im Wirtschaftsleben, der Umgang mit der Zivilgesellschaft im Zusammenhang mit Megaprojekten – sind oft sensibel bzw. werden als solche betrachtet.  Sowohl für die Interviewpartner*innen als auch für Forschende ergeben sich hieraus große und ernstzunehmende persönliche Risiken, was sowohl die Kontaktaufnahme als auch das Führen von Interviews erschwert. Beispielsweise finden viele Interviewtermine mit Betroffenen an lauten, belebten Orten wie Hotellobbys statt, um heimliche Aufnahmen zu erschweren, oder werden erst auf Basis einer persönlichen Empfehlung eines vorherigen Interviewpartners zugesagt. Direkte und digitale Überwachung ist ein weiteres Problem, dem beide Seiten wenig entgegen zu setzen haben. Wissenschaftsethisch ergibt sich hieraus einmal mehr die große Verantwortung, gerade das Vertrauen zivilgesellschaftlicher Interviewpartner*innen nicht zu enttäuschen, äußerst sorgfältig mit den gesammelten Daten umzugehen, und die eigene Rolle im Forschungsprozess kritisch zu reflektieren.

Anna-Lena Maier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich BWL. Sie arbeitet aktuell an ihrer Dissertation.

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