Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

custom header picture

Feldforschung in Mexiko: Wie sieht soziale Verantwortung von Unternehmen in der Praxis aus?

18. Juni 2019 FB SozÖk Keine Kommentare

Von Anna-Maria Nunenmann

Für meine Masterarbeit im Fach International Business and Sustainability (MIBAS) führte ich eine siebenmonatige ethnographische Feldforschung in Mexiko durch. Entstanden sind die Kontakte durch eine Studienreise mit anschließender Lehrforschung, organisiert von den Lateinamerika-Studien der Universität Hamburg und unterstützt durch das Förderprogramm Hamburglobal.

Im Rahmen des Masterstudiums hatte ich mich ausgiebig mit den Theorien der sozialen Unternehmensverantwortung (CSR) beschäftigt. Nun wollte ich herausfinden, wie die sogenannte Political Corporate Social Responsibility (PCSR) – eine spezifische Vertiefung der CSR-Forschung – in der Praxis aussieht. Besonders interessant erschien mir die Interaktion von Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft, die jeweils unterschiedliche Machtpositionen und Wertvorstellungen mitbringen. 

Hierfür wählte ich folgendes Projekt: Ein kanadisches Unternehmen plante den Bau einer Gaspipeline in Mexiko und musste dafür unweigerlich in Kontakt mit den Gemeinden treten, deren Grundstücke vom Bau betroffen waren. Vor allem bei dem Teilabschnitt der Pipeline, der durch die Gebiete indigener Völker führen sollte, gab es Schwierigkeiten. Indigene unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sprachlichen, ethnischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenheiten von der nationalen Gesellschaft und erst recht von transnationalen Unternehmen. Im untersuchten Fall jedoch konnte ich miterleben, wie die Betroffenen trotz des Machtungleichgewichts die Verletzung ihrer Rechte durch das Unternehmen verhinderten und den Pipelinebau vorerst stoppten. Entgegen der verbreiteten Annahme haben indigene Völker keine primitive oder unterentwickelte Lebensweise, sondern handeln strategisch und sind in diesem konkreten Fall – genau wie das Unternehmen – transnational vernetzt. Insofern war es spannend, die Umsetzung von PCSR Maßnahmen aus ihrer Perspektive zu untersuchen, fokussiert doch die Mehrheit der bisherigen Studien auf die Perspektive der Unternehmen.

Insgesamt ist die Annäherung zwischen dem Unternehmen und den Gemeinden ein komplexer und vielschichtiger Prozess, der gut durch interdisziplinäre Ansätze – wie sie im Fachbereich der Sozialökonomie gefördert werden – untersucht werden kann. Die empirischen Ergebnisse meiner Arbeit lieferten interessante Einblicke in die Dynamik der PCSR Dialoge und lassen Schlussfolgerungen im Hinblick auf die theoretische Konzeption von PCSR zu. Gerade der ethnographische Ansatz – mit Methoden wie der teilnehmenden Beobachtung – eignet sich hervorragend, um auch den politischen und kulturellen Kontext einzubeziehen, in dem sich die Interaktion zwischen unterschiedlichen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abspielt.

Anna-Marias Masterarbeit wurde mit dem Dr. Walter Kapaun Studienpreis 2019 ausgezeichnet.

Tags