Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Der blinde Fleck: Die kulturelle und mediale Perspektive der Sozialökonomie

20. Juni 2019 FB SozÖk Keine Kommentare

Von Dr. Carsten Heinze

Was ist Sozialökonomie und was zeichnet sie aus? Woraus speisen sich sozialökonomische Forschungsansätze und mit welchen Perspektiven kann sie betrieben werden? Auf welche wissenschaftlichen Referenzrahmen kann sich Sozialökonomie berufen? Was ist das Selbstverständnis der Sozialökonomie und worauf lässt sich dieses begründen? Die Antworten auf diese Fragen sind, glücklicherweise, vielfältig und werden in liebgewonnener und stoischer Regelmäßigkeit kontrovers diskutiert. Interdisziplinär, kritisch, gesellschaftsrelevant, bestenfalls intervenierend soll sie sein. Meines Erachtens kommt jedoch darin die kulturelle und mediale als epistemologischeund praxeologische Perspektive zu kurz, obwohl diese darin elementar enthalten ist.

An den verschiedenen „turns“ (linguistic, pictorial/iconic, performative, medial, spatial, affective usw.), die seit vielen Jahrzehnten mal als Moden, mal als grundlegende Perspektivverschiebungen die Kultur- und Sozialwissenschaften durchlaufen, kommt auch eine Sozialökonomie, die theoretisch, methodisch und empirisch auf der Höhe der Zeit sein möchte, nicht vorbei. Denn in allen „turns“ lässt sich auch immer die Frage nach der Bedeutung(sverschiebung) für das Soziale der ökonomischen Verhältnisse aufspüren. Das Soziale der ökonomischen Verhältnisse und ihre Konflikte werden auf dem Feld der Kultur und der Medien ausgetragen. Und es darf daran erinnert werden, dass die Cultural Studies einmal einen Fuß in der Tür der Sozialökonomie hatten, seinerzeit vertreten durch Frigga Haug, die nicht nur regelmäßig Seminare zu dem damals in Deutschland noch weitgehend unbekannten interdisziplinären Forschungsansatz anbot, sondern auch zusammen mit Wolfgang Fritz Haug im Argument-VerlagTeile der Schriften von Stuart Hall publizierte. Wichtige Anregungen der Cultural/Media Studies-Perspektiven gehören mittlerweile, ob offen eingeräumt oder stillschweigend mittransportiert, zum wissenschaftlichen Standardrepertoire aktueller Sozial- als Kulturanalysen.

Unterschiedlichste „Kulturen“ und Kulturformen, materiell wie immateriell, durchziehen unseren Lebensalltag, beeinflussen bzw. formen unsere alltäglichen Handlungen und unsere Lebenspraxis, geben uns inneren wie äußeren Halt und moralische Orientierung, und nicht zuletzt: sie regen Konsumentscheidungen an und sind so zwangsläufig eingebettet in kulturelle, weitestgehend kapitalistisch strukturierte Verwertungsketten. 

Kulturformen binden uns derart in unterschiedliche Zusammenhänge ein und bilden so die Grundlage gesellschaftlicher Vergemeinschaftung, egal in welcher Sphäre oder in welchem Feld (Bourdieu) sie sich ereignen. In einer Vielzahl von Publikationen werden diese Einflüsse auf die Herausbildung der (Konsum-)Gesellschaft nach 1945 zurzeit auch sozial- und kulturhistorisch untersucht. Darin spielen Jugend- und Popkulturen nicht nur für den angelsächsischen Sprach- und Kulturraum, sondern auch für Deutschland, das anders als die USA oder Großbritannien eher ein reserviertes Verhältnis zur Popkultur hat, eine hervorgehobene Rolle.

Der Kulturbegriff lässt sich in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen aufspüren. „Politische Kultur“ (gerade gar kein schönes Thema), „Gedächtnis- und Erinnerungskultur“ (entgleitet zurzeit dem öffentlichen Diskurs), „Populärkultur/Popkultur“ (elementarer Bestandteil unserer alltäglichen Lebenspraxis und Richtschnur unseres Freizeitverhaltens), „Subkultur“ (wo ist diese noch zu finden?), „Jugendkultur“ (historischer Motor gesellschaftlicher Veränderungen und des sozialen Wandels), „Volkskultur“ (ein ehemals romantisierender, heute eher bedenkliche Assoziationen hervorrufender Begriff), „Kulturindustrie und Massenkultur“ (etwas angestaubte und holzschnittartige Begriffe aus der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule), „Erlebniskultur“ (Begriff für die Eventisierungsmaschinerie und wichtiger Faktor des BSP) – und nicht zu vergessen: die „Unternehmenskultur“ (jung, dynamisch, kreativ, ein bisschen wild und verwegen, auf der Höhe der Zeit, kooperativ, schnittig und vor allem marktorientiert muss sie sein).

Und nicht zuletzt die Medienkultur. Im Zeitalter der Digitalisierung und Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit den unterschiedlichsten Medienformen rückt das komplexe Wechselverhältnis zwischen Kultur und Medien in den Mittelpunkt von Betrachtungen der (spät-/post-)modernen Gesellschaft. Schlagworte wie „Medialisierung“ oder „Mediatisierung“ deuten an, dass gesellschaftliche Prozesse und Abläufe ohne strukturelle und inhaltliche Berücksichtigung der hierfür notwendigen Medientechnologien kaum mehr zu denken sind. Medien vermitteln uns aktuelle und historische, nahe wie ferne Ereignisse und verbinden uns mit dem wichtigen oder weniger wichtigem Geschehen in der Welt. Was wir sozial „wissen“ (zu wissen meinen), wissen wir zu einem großen Teil aus den Medien (Luhmann). Sie bilden die Grundlage alltäglicher Austauschprozesse und ergänzen/erweitern (nicht ersetzen!) die klassische „face-to-face“-Beziehung, an deren empirischen Untersuchung der Soziologie bis heute vor allem gelegen ist. Ohne die medialen und kulturellen Rückkoppelungseffekte sind diese allerdings kaum mehr zu verstehen.

Mittlerweile sind wir alle jedoch nicht nur Konsumenten eines aus der „Kulturindustrie“ hergestellten Angebots, sondern werden selbst zu Produzent*innen („Prosumer*innen“), kommentieren und liken, kommunizieren unseren gewöhnlichen Lebensalltag öffentlich in entsprechenden Netzwerken etc. etc. Wir gehen nach wie vor ins Kino und schauen fern, gerne auch zeitversetzt, bearbeiten unser nicht ganz so perfektes äußeres Selbst mithilfe entsprechender Fotoprogramme, shoppen nebenbei im Internet oder lesen beizeiten sogar mithilfe von Kindle das Surrogat eines „Buches“. Wir streamen Filme und Musik und lassen uns bequem von Algorithmen unseren kulturellen Geschmack ergänzen/erweitern/vorgeben. Wir lassen uns von „Influencer*innen“ Konsumentscheidungen nahebringen und sind Abonnent*innen verschiedener YouTube-Kanäle. Unsere Kultur und unsere Lebensweise sind medial geprägt.

Diese „Schlaglichter“ auf kulturelle und mediale Dynamiken ziehen ein grundsätzliches Nachdenken über die Ausrichtung und Erweiterung sozialökonomischen Denkens auf den unterschiedlichen Betrachtungsebenen nach sich. Meines Erachtens ist es Zeit, diese Dynamiken forschungspraktisch stärker mit traditionellen oder klassischen Perspektiven der Sozialökonomie zu verknüpfen, damit die Medialisierung des Gesellschaftlichen nicht auch in ihr ein „blinder Fleck“ bleibt.

Carsten Heinze ist Lehrkraft für besondere Aufgaben/WiMi-Le; Forschungs- – pardon – Lehrinhaltsschwerpunkte: Medien- und Filmsoziologie, Kultursoziologie, Jugendsoziologie.

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