Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Arbeitsweltliche Ursachen von Rechtspopulismus

26. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Wolfang Menz

Spätestens seit dem Einzug der AfD in den Bundestag und die Länderparlamente hat sich die Diskussion über die Ursachen von rechtspopulistischen Orientierungen intensiviert. Quantitative Studien zeigen, dass es keineswegs in erster Linie „Modernisierungsverlierer“ wie prekär Beschäftigte oder Arbeitslose sind, die zu Rechtspopulismus neigen. Überproportional häufig sind dagegen Arbeiter und niedrige Angestellte in der entsprechenden Wähler*innenschaft vertreten. Damit liegt nahe, dass arbeitsweltliche Erfahrungen eine zentrale Rolle spielen.

Aber was sagt eigentlich die Arbeitssoziologie dazu? Eine Auswertung von aktuellen qualitativen Studien zu Arbeitserfahrungen und Gerechtigkeitsansprüchen von Arbeitnehmer*innen, die an der Professur für Soziologie, insbesondere Arbeit, Organisation und Innovation, gemeinsam mit dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München durchgeführt wurde, formuliert folgende Thesen:

Es sind weniger tatsächlich erlebte Abstiegsprozesse, die zur Verunsicherung und zu Ängsten von Beschäftigten führen, als vielmehr eine grundsätzliche Irritation ihres Leistungsbewusstseins. Angesichts von permanenter unternehmerischer Reorganisation und dem Übergang zum „aktivierenden“ Wohlfahrtsstaat können sich die Arbeitnehmer*innen immer weniger auf betriebliche und sozialstaatliche Sicherungen verlassen. Das Vertrauen in die individuelle Leistungsfähigkeit als Sicherheitsanker wird dadurch wichtiger, angesichts steigender Anforderungen und Belastungen zugleich aber fragiler.

„Leistung“ dient zudem zur Selbstrechtfertigung der erreichten eigenen Position in der Arbeitswelt. Das meritokratische Prinzip – gesellschaftliche Ungleichheit bestimmt sich legitimerweise durch unterschiedliche Leistungsbeiträge – erfährt weiterhin eine hohe normative Unterstützung. Auch diese Vorstellung wird allerdings gegenwärtig verunsichert. Die kürzliche globale Wirtschafts- wie auch die Eurokrise und die Migrationsbewegungen machen deutlich, dass es keineswegs nur der verdiente Ertrag der eigenen Leistung ist, der die im globalen Maßstab immer noch vergleichsweise privilegierte soziale Lage der Arbeitnehmer*innen ausmacht. 

Die Figur der „Geflüchteten“ stellt die Legitimität der eigenen sozialen Position und zugleich die Basis des (ohnehin schon fragilen) eigenen Sicherheitsempfindens infrage. Deshalb reagieren Rechtspopulisten aggressiv auf sie. Indem ihnen ungerechtfertigte Privilegien oder ein Selbstverschulden ihrer Situation zugeschrieben wird, kann am Glauben an eine leistungsgerechte Ordnung festgehalten werden. Die Deutungsmuster für entsprechende Ausblendungen und Abwertungen stellt der Rechtspopulismus bereit. 

Dies ist allerdings keineswegs zwangsläufig: Genauso möglich ist eine subjektive Verarbeitung von Arbeitserfahrungen in Gestalt von solidarischen Orientierungen. 

Ein Artikel dazu von Wolfgang Menz und Sarah Nies erscheint in den WSI-Mitteilungen: Schwerpunktheft 3/2019, „Rechtspopulismus und die soziale Frage – Herausforderungen für Arbeitswelt und Gewerkschaften“

Wolfgang Menz ist Professor für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation und Innovation.

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Das Währungsregime der Franc-CFA-Zone: Implikationen für die Geldpolitik und Kreditschöpfung

25. April 2019 FB SozÖk

Von Florian Lampe

Der Franc CFA  wird heute als Währung in 14 afrikanischen Staaten verwendet: Während Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Guinea-Bissau, Mali, Niger, Senegal und Togo die Union Economique et Monétaire Ouest Africaine  (UEMOA – Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion)  bilden, konstituieren Kamerun, die Zentralafrikanische Republik Kongo, Gabun, Äquatorialguinea und der Tschad die Communauté Economique et Monétaire de l’Afrique Centrale (CEMAC – Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft). Bis zum 31. Dezember 1998 war der CFA-Franc an den französischen Franc gebunden. Mit der Einführung des Euro 1999 wurde dieser zur neuen Ankerwährung. 

Mein persönliches Interesse galt ursprünglich der außergewöhnlichen Stabilität der währungspolitischen Vereinbarungen zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien südlich der Sahara, die im Kern seit über 70 Jahren gültig sind – und somit auch die politische Unabhängigkeit der CFA-Länder überdauert haben. Dennoch sind die geldpolitischen und vor allem realwirtschaftlichen Implikationen unter Ökonomen und Politikern stark umstritten. In den letzten Jahren wird diese Diskussion zunehmend auch außerhalb der CFA-Zone und Frankreichs geführt.     

Die Befürworter der Währungskopplung betonen, dass die Stabilität des Euro die Erwartungsunsicherheit ausländischer Investoren reduziert und somit Direktinvestitionen in den CFA-Ländern fördern würde. Zudem seien die niedrigeren Transaktionskosten im Außenhandel mit der Euro-Zone wachstumsfördernd. Die Kritiker des Franc CFA sind hingegen der Auffassung, dass die Abhängigkeitsverhältnisse der F-CFA-Länder gegenüber Frankreich und Europa ohne eine autonome, an die eigene makroökonomische Lage angepasste Geld- und Währungspolitik weiter verstärkt werden. Kritisiert werden dabei unter anderem zwei zentrale Funktionsprinzipien, die Frankreich im Gegenzug für die Garantie des festen Wechselkursverhältnisses durchgesetzt hat: Zum einen müssen die beiden CFA Länder mindestens 50 % ihrer Devisenreserven beim französischen Schatzamt auf sog. Operationskonten halten, zum anderen sind die beiden CFA-Zentralbanken dazu verpflichtet, mindestens 50 % der Geldbasis durch Forderungen gegenüber dem Ausland zu decken.

Mit meinem Promotionsprojekt möchte ich untersuchen, wie sich die Funktionsprinzipien des postkolonialen CFA-Währungsregimes auf die Geldpolitik – und dabei insbesondere auf die Kreditvergabe an den Privatsektor – der CFA-Länder auswirkt. Dieser Fokus begründet sich auch durch die post-keynesianische Annahme, dass nicht die Höhe der Ersparnisse, sondern die Bereitschaft der Vermögensbesitzer bzw. Geschäftsbanken Kredite zu vergeben, privatwirtschaftliche Investitionen ermöglicht und somit den Ausgangspunkt der Kapitalakkumulation und Einkommensbildung darstellt.

Florian Lampe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich VWL.

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Armut über Generationen

24. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Petra Böhnke, Dr. Marion Fischer-Neumann und Dr. Janina Zölch

„Das ist nicht schön, kein Geld zu haben. Man traut sich das auch gar nicht irgendwo zu sagen“, erzählt die 23-jährige Alina in einem Interview über ihre Lebensgeschichte. Sie ist in einer armen Familie aufgewachsen und seit ihrem Realschulabschluss fast dauerhaft selbst im Hartz-IV-Bezug. Das Forschungsprojekt „Armut über Generationen“ geht unter der Leitung von Prof. Dr. Petra Böhnke der Frage nach, warum sich das Leben in Armut in manchen Familien über Generation hinweg hält. Und wie es der Kindergeneration in anderen Familien gelingt, die Armut zu durchbrechen. Dabei geht es vor allem um die Rolle von Familienbeziehungen, sozialen Netzwerken und des sozialräumlichen Umfelds. Eine Besonderheit des Projektes ist, dass es einem Mixed-Methods-Ansatz folgt, also sowohl große Datensätze statistisch auswertet (SOEP, pairfam) als auch selber ausführlich Betroffene befragt. Für diesen Interview-Teil werden in insgesamt 16 Familien (narrative) Interviews mit je einem Angehörigen der Eltern- und Kindergenerationen geführt. In den Interviews, die oftmals zwei und mehr Stunden dauern, gewinnt man einen vertieften Eindruck von den individuellen Lebensverläufen, Erfahrungen und Gefühlen der Menschen, die in finanziell schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind. Die Erzählungen machen die Herausforderungen eines Lebens in Armut deutlich und zeigen die vielfältigen Gründe dafür auf. Armut ist ein hochaktuelles Thema, das in den Medien häufig abstrakt oder mit Schuldzuweisungen diskutiert wird. Daher ist es besonders wichtig, die Lebensbedingungen in Armut und die Wege ihrer Weitergabe wissenschaftlich zu untersuchen. Für uns als Interviewerinnen stellt es einen unglaublichen Gewinn dar, einen so intensiven Einblick in die sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten zu erhalten. Dabei ist es besonders aufschlussreich, was die Eltern und was die Kinder mitteilen, die wir einzeln interviewen und die Interviews dann in Bezug zueinander setzen. Es hat sich gezeigt, welch starken Einfluss die familialen Beziehungen und der Umgang der Eltern mit der Armutssituation auf den Lebensweg der Kinder ausüben. Bereits die ersten Auswertungsergebnisse zeigen, dass so manche landläufige Annahme darüber, zu verarmen, nicht stimmig ist. So können wir nicht bestätigen, dass arme Menschen sich durchweg fatalistisch und resigniert der Situation ergeben und keine Versuche unternehmen, etwas zu verändern. Im Gegenteil: Die Interviews zeigen Aktivität und Anstrengungen, die prekäre Lebenslage zu verändern und verdeutlichen, wie wichtig Unterstützung von außen dafür ist – von der Schule, von der Kirche, von Freunden, von Nachbarn, von Kommune und Staat.

Petra Böhnke ist Professorin für Soziologie, insb. Soziologie des sozialen Wandels. Marion Fischer-Naumann und Janina Zölch sind bereits promoviert und arbeiten in diesem Bereich. „Armut über Generationen“ ist ein von der DFG gefördertes Forschungsprojekt.

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Ask your Brain – Plattform zur Messung impliziter Kognitionen und Wahlentscheidungen

23. April 2019 FB SozÖk

Prof. Dr. Thorsten Teichert

Kaufentscheidungen werden zu einem großen Anteil von unbewussten mentalen Prozessen bestimmt. Dies kann jeder bestätigen, der sich nach einem Supermarktbesuch gefragt hat, wieso Coca-Cola und Tiefkühlpizza im Einkaufswagen gelandet sind, obwohl man sich doch gesünder ernähren wollte.

Bis vor einiger Zeit legte man noch zugrunde, dass menschliches Entscheiden vom Abwägen unterschiedlicher Attribute der jeweileigen Entscheidungsoptionen abhängt. Tatsächlich, ist das aufwendige reflektive Denken bei komplexen, neuen oder risikoreichen Entscheidungen maßgeblich beteiligt, z.B. dem Kauf eines neuen Autos. In wiederkehrenden, alltäglichen Situationen wird stärker auf den „Autopiloten“, das automatische Denken zurückgegriffen, das schnell, effizient und ohne kognitiven Aufwand operiert.

Auf diese Weise, können wahrgenommene Stimuli – direkt, ohne kognitive Verarbeitung – Handeln auslösen. Die Darbietung eines Produktes, z.B. Coladose, kann automatisch eine Einstellung aktivieren, die zuvor gelernt wurde oder durch Werbung konditioniert wurde. Desweiteren lassen sich durch die Darbietung von Stimuli bestimmte Ziele aktivieren. Beispielsweise greifen Konsumenten eher zu teureren Nike-Socken, wenn Sie Hinweisreize, z.B. Wörter, zum Ziel „Prestige“ erhalten und eher zu einer günstigeren Alternative, wenn Sie Hinweisreize zum Ziel „Wirtschaftlichkeit“ erhalten. Das Entscheidende ist, dass keiner dieser Prozesse dem Konsumenten introspektiv zugänglich ist. Daher können klassische Fragebögen nur bedingt Aufschluss geben über unbewusste mentale Prozesse. 

Aus diesem Grund sind in der Sozialpsychologie indirekte Messverfahren entwickelt worden, die es ermöglichen unbewusste Prozesse zu messen ohne den Probanden direkt zu fragen. Vielmehr, wird der Proband mit einer Aufgabe (z.B. Zuordnung zu Kategorien) konfrontiert und seine Performance gibt Aufschluss über mentale Inhalte, z.B. anhand von Reaktionszeiten.

Ask your Brain ist eine am Lehrstuhl entwickelte Online-Plattform zur Messung impliziter Kognitionen und Wahlentscheidungen. Dieses kombiniert mehrere indirekte Messverfahren in einem benutzerfreundlichen Backend. Das Aufsetzen eines Experiments ist intuitiv und innerhalb von Minuten möglich. Die Analyse von Prozessdaten (Mousetracking) eröffnet weitere Analysemöglichkeiten. Die spielerische Gestaltung der Tests trägt dazu bei, dass Probanden gerne teilnehmen. Sowohl in kontrollierten Laborbedingungen als auch großzahligen Online-Feldexperimenten per Smartphone kann die Plattform zum Einsatz gebracht werden. Ask your Brain wurde schon im Rahmen mehrer erprobt in Forschungsarbeiten mit Universitätspartnern aus aller Welt: Johannesburg, Sydney, Jakkarta, Bogotá und Rennes.

Thorsten Teichert ist Professor für BWL, insb. Marketing und Innovation (Chair of Marketing and Innovation – CMI).

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Studieren ohne Abitur

18. April 2019 FB SozÖk

Von Sinje Schuck

Die Möglichkeit des Studiums ohne Abitur existiert am Fachbereich Sozialökonomie bereits seit über 70 Jahren. Damit ist der Fachbereich Sozialökonomie eine der Institutionen, die grundlegende Pionierarbeit im Bereich der Bildungsmobilität in Deutschland geleistet haben. Davon auszugehen, dass Arbeitserfahrung genauso für ein Studium qualifizieren kann wie das Abitur, schafft Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung und eröffnet neue Qualifikationsmöglichkeiten für Studierende mit beruflicher Erfahrung, Pflege- und/oder Erziehungszeiten. Das Studium ohne Abitur öffnet zudem Bildungswege für Studieninteressierte mit unterbrochenen Bildungsbiographien.

Jedes Semester stehen am Fachbereich Sozialökonomie von 300 Studienplätzen für Studienanfänger/innen im B.A. Sozialökonomie 120 Studienplätze für Studierende ohne Abitur zur Verfügung. Dies trägt zu einer besonderen Atmosphäre des lebenslangen Lernens und der Wertschätzung von praktischer und beruflicher Erfahrung am Fachbereich bei. Das gemeinsame Lernen von Studierenden mit und ohne Abitur informiert auch die Gestaltung der Lehrveranstaltungen, Studierende mit schulischem und beruflichem Hintergrund bereichern sich gegenseitig mit ihrer individuellen Perspektive auf den Lehrinhalt und studieren von Beginn des Studiums an gemeinsam.

Seit April 2016 baue ich das Multiplikator/innennetzwerk des Fachbereichs Sozialökonomie im Bereich der Bildungsmobilität auf und koordiniere die Werbe- und Öffentlichkeitsarbeit für den Studienzugang ohne Abitur. Ich besuche häufig Ausbildungsmessen und Veranstaltungen auf denen potentielle Studieninteressierte nach neuen Qualifikationswegen suchen. Dies bereitet mir große Freude, insbesondere da ich durch die zahlreichen Kontakte mit den Alumni des Fachbereichs immer wieder sehe, welche vielfältigen neuen beruflichen Horizonte sich für Studierende ohne Abitur durch den Abschluss des B.A. Sozialökonomie eröffnen.

Was ich besonders fortschrittlich finde, ist, dass auch Studieninteressierte ohne abgeschlossene Ausbildung sich für die Aufnahmeprüfung bewerben können. Dies schafft echte Auswege aus prekären bzw. ungelernten Beschäftigungsverhältnissen. Zudem leistet die Anerkennung von Pflege- und Erziehungszeiten als gleichwertig zu Beschäftigungszeiten einen relevanten Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit. Und auch die Öffnung der Aufnahmeprüfung für Bewerber/innen mit Fluchthintergrund schafft flexible und nachhaltig offene Bildungswege für Menschen, die zu einem früheren Zeitpunkt gezwungen waren ihre Ausbildung zu unterbrechen.

Der Fachbereich Sozialökonomie ist durch den Studienzugang ohne Abitur einer der wichtigsten Akteure im Bereich der Bildungsmobilität in Hamburg. Es ist mir eine große Freude durch die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit für den Studienzugang ohne Abitur dazu beizutragen.

Sine Schuck promoviert in der Sozialökonomie und unterstützt den Bereich „Studieren ohne Abitur“.

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Grenzen der Verteilung?

17. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Miriam Beblo

In dem soziologisch und ökonomisch aufgestellten Forschungsprojekt mit dem Untertitel „Sozioökonomische Analysen der Wahrnehmung von (Um-) Verteilungen in Europa“ stellen wir folgende Fragen:

  • Wie nehmen Europäer*innen nationale und europäische Sozialpolitik wahr?
  • Welche Rolle spielen Vergleiche mit Anderen – innerhalb nationalstaatlicher Grenzen und über Grenzen hinweg?
  • Welche Ursachen und welche Folgen hat die eigene Positionierung innerhalb der (inter-) nationalen Einkommensverteilung auf die Bewertung von Umverteilungspolitik?

Diese Fragen zur Akzeptanz der sozialen Sicherung in Europa beforschen wir mit einem interdisziplinären Ansatz aus experimenteller Wirtschaftsforschung, ökonomischer und soziologischer Ungleichheitsforschung sowie international vergleichender Sozialpolitik- und Wohlfahrtsstaatsforschung. 

Mit einem Erhebungsexperiment untersuchen wir den kausalen Einfluss von (Fehl-)Einschätzungen der eigenen Einkommensposition auf Umverteilungspräferenzen aus nationaler wie europäischer Perspektive. Wir erheben Daten für den Vergleich innerhalb eines Landes und zwischen Ländern und setzen die subjektiven (länderspezifischen) Einschätzungen  mit objektiven Daten in Bezug.

Im europäischen Vergleich soll das Projekt Erkenntnisse über individuelle Einstellungen zum Sozialstaat und zu sozialstaatlichen Prinzipien liefern und beleuchten, inwieweit die Bevölkerung eine mögliche EU-Koordinierung der Sozialpolitik unterstützt. Es gibt darüber hinaus Aufschluss über Interventionsmöglichkeiten zur Verringerung von möglichen Fehleinschätzungen und über Konsequenzen einer Kompetenzverschiebung für die Befürwortung der europäischen Idee.

Das fünfköpfige Forschungsteam besteht aus Prof. Dr. Miriam Beblo, Dr. Elisabeth Bublitz, Prof. Dr. Henning Lohmann, zwei wissenschaftlichen und einer studentischen Mitarbeiter*in.

Miriam Beblo ist Professorin für VWL, insb. Arbeitsmarkt, Migration und Gender.

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Alles nur Gewinnmaximierung – oder was?

16. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Daniel Geiger

Der Masterstudinegang International Business and Sustainability ist eng mit den Forschungsschwerpunkten der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verknüpft und integiert Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen mit Herausforderungen der Unternehmensführung. Der Studiengang zielt darauf ab, ein integriertes Verständnis von ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Verantwortung zu entwickeln und zu vermitteln. Als englischssprachiger, internationaler Studiengang schlägt der Studiengang eine Brücke zu den globalen Herausforderungen denen sich Unternehmen gegenüberstehen, wie sie die in den UN-Sustainable Development Goals (SDG) zum Ausdruck gebracht werden. Der Studiengang verknüft dabei eine starke Forschungsorientierung mit aktuellen Problemlösungsbezügen und versetzt Studierende in die Lage, die komplexen Herausforderungen, die sich aus einer verantwortungsvollen Unternehmensführung ergeben verstehen, analysieren und bearbeiten zu können. Der Studiengang bereitet auf eine Karriere in internationalen Unternehmen, start-ups und sozialen Unternehmen genauso vor wie auf eine wissenschaftliche Laufbahn.

Daniel Geiger ist Professor für BWL, insb. Organisation und Programmdirektor des Masterstudiengangs International Business and Sustainability.

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‚Flipped Gender‘: Forschendes Lernen in der Geschlechtersoziologie

15. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Almut Peukert

‚Männer‘ und ‚Frauen‘ sind uns allen als Alltagsphänomen bekannt und Geschlecht eine unhinterfragte Gewissheit und Selbstverständlichkeit. Gemeinsam mit den Studierenden gehe ich in der Veranstaltung ‚Einführung in die Genderforschung‘ im Bachelor Sozialökonomie auf Entdeckungsreise, wie Geschlecht theoretisch und empirisch mit welchen Ergebnissen erforscht wird. Vermeintliche Alltagsgewissheiten sollen wissenschaftlich hinterfragt werden. 

Das Projekt ‚Flipped Gender‘ verfolgt die Integration von digitaler Wissensvermittlung und forschendem Lernen in dieser Lehrveranstaltung. Studierende erarbeiten sich das Grundlagenwissen selbstständig mittels digitaler Lerneinheiten aus Texten und kontextualisierenden Lehrvideos. Entstehende Freiräume in der Präsenzphase werden zur Wissensvertiefungin einem flipped-classroom und zur Wissensanwendungdurch forschendes Lernen genutzt. Das heißt, in kleinen Projekten sollen die Studierenden problemorientiert Geschlechterungleichheiten im Bereich Arbeit, Organisation und Familie auf die Spur kommen und Erklärungsansätze verstehen, kritisch reflektieren und Gestaltungsmöglichkeiten diskutieren. Ziel ist die Entwicklung einer fundierten Theorie-Methoden-Kompetenz für das Feld der Geschlechterforschung, die Bezüge zu anderen Forschungsfeldern der Soziologie (soziale Ungleichheit, soziologische Theorie, Methoden) herstellt und interdisziplinäre Perspektiven integriert. Dazu werden soziale Phänomene und Probleme mit Blick auf Geschlechterdifferenzierungen und Geschlechterungleichheit anhand empirischer Untersuchungen u.a. in den Feldern Arbeit(-smarkt), Organisation, Globalisierung sowie Elternschaft und Familie thematisiert und diskutiert.

‚Flipped Gender‘ umfasst die inhaltliche Konzeption und Umsetzung der Produktion von ca. drei bis fünf Lehrvideos, die Erstellung digitaler Lerneinheiten mit Lehrvideos, Leitfragen und Fragepools (in ARSnova) sowie die Konzeption der Problemstellungen (Fragen und Material) für das forschende Lernen. Das Projekt wird von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften gefördert (Laufzeit 04/2019 bis 07/2020).

Almut Peukert ist Juniorprofessorin für Soziologie, insb. Arbeit, Organisation, Gender. Mit dem von ihr geleitetem Projekt „Flipped Gender“ wird die Veranstaltung „Einführung in die Genderforschung“ des BA Sozialökonomie grundlegend neu gestaltet.

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Tiersoldaten – Global Animal Law in (Combat) Action

12. April 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Karsten Nowrot, LL.M. (Indiana)

Tiere zählen seit langem nicht nur zu den zahllosen „zivilen“ Opfern bewaffneter Konflikte, sondern sind ebenso lange darüber hinaus auch aktiv als – in der Terminologie des Humanitären Völkerrechts – „Kombattanten“ an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt. Die Bandbreite der bislang eingesetzten Tierarten reicht von Pferden, Elefanten und Hunden über Kamele, Tauben und Robben bis hin zu Delfinen und Bienen, um nur einige Beispiele zu nennen. Und dies gilt im Prinzip bis in die Gegenwart hinein. Zur Verdeutlichung sei hier nur auf den Umstand hingewiesen, dass selbst die Operation „Neptune Spear“ in Pakistan, welche zur Tötung Osama Bin Ladens im Mai 2011 führte, von den US Navy SEALs unter Mitwirkung des belgischen Schäferhundes Cairo erfolgte.

Vor diesem Hintergrund hat sich das vorliegende Forschungsvorhaben zum Ziel gesetzt, das Phänomen von Tieren als aktive Beteiligte an bewaffneten Konflikten im Lichte des Humanitären Völkerrechts einer rechtspraktischen Analyse zu unterziehen. Den Ausgangspunkt bildet die These, dass gerade das Humanitäre Völkerrecht, also das internationale Recht des bewaffneten Konflikts (ius in bello) – obgleich sich seine spezifische Relevanz im vorliegenden Kontext zugegebenermaßen wahrscheinlich nicht jedem auf den ersten Blick erschließt – zu denjenigen internationalen Rechtsgebieten gehört, welches sich aus der Perspektive einer politischen Theorie der Tierrechte als besonders lohnenswert darstellt. 

Zur Illustration dieser These sei hier nur der Umstand hervorgehoben, dass im Kontext bewaffneter Konflikte gelegentlich in der Praxis sogar eine in verschiedener Hinsicht gleichsam formelle Statusannäherung zwischen menschlichen Kombattanten und Tieren im Kriegseinsatz zu beobachten, welche sich zumindest in dieser Intensität in anderen Lebensbereichen noch kaum nachweisen lässt. In diesem Zusammenhang sei zunächst auf die Existenz von Kriegerdenkmälern für Tiere bzw. unter Einbeziehung von Tieren in mehreren Staaten hingewiesen. Weiterhin, und die formelle Statusannäherung noch deutlicher widerspiegelnd, ist hier die ebenfalls in einigen Ländern einstmals bzw. auch gegenwärtig noch verbreitete Praxis zu nennen, Orden und Ehrenzeichen an Tiere im Kampfeinsatz, darunter Pferde, Hunde, Brieftauben sowie Katzen, zu verleihen.

Karsten Nowrot ist Professor für Öffentliches Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt europäisches und internationales Wirtschaftsrecht.

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Zielkonflikte im Unternehmen: Einigkeit durch Mehrdeutigkeit?

11. April 2019 FB SozÖk

Dr. Ali Aslan Gümüsay

Nicht immer sind eindeutige, klare Zielformulierungen und Leitbilder der einzige Weg zum Unternehmenserfolg. Das zeigt eine aktuelle Studie von Ali Aslan Gümüsay von der Universität Hamburg und seinen Kollegen Michael Smets und Tim Moris von der University of Oxford. Die Forscher begleiteten die erste islamische Bank in Deutschland von der Idee bis zu ihrer Gründung und machten so spannende Entdeckungen. 

Traditionell betonen Führungstheorien die Wichtigkeit einer klaren, zentralen und starken Vision sowie einem einheitlichen Ziel für die Angestellten. Neben reinen Umsatzzielen werden allerdings auch immer öfter Ziele formuliert, die zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen sollen – die Gefahr von potenziellen Zielkonflikten innerhalb des Unternehmens ist groß. Um unterschiedlichen Zielen gerecht zu werden, wird in der Literatur bisher empfohlen, entweder diese zu separieren oder eine gemeinsame Identität innerhalb des Unternehmens zu entwickeln. Nur was, wenn das nicht möglich ist, weil sie zu gegensätzlich oder zu viele sind? Genau dies untersuchten die Wissenschaftler mit einer 2-jährigen Fallstudie und finden im gerade erschienenen Artikel im Academy of Management Journal eine Antwort. 

Eine Frage der Auslegung

Die Studie zeigt auf, dass die Führung für Zielformulierungen, strategische Positionierung und Leitbilder, aber auch in der internen und externen Kommunikation Mehrdeutigkeit nutzen. „Mehrdeutigkeit wird dabei nicht nur sprachlich eingesetzt, sondern betrifft die gesamte Identität“, so Gümüsay. Dadurch sollte Angestellten die Flexibilität gegeben werden, sich durch entsprechende persönliche Auslegung mit der Bank besser identifizieren zu können. Anstelle einer klaren Balance zwischen Religion und Marktlogik, ermöglichte die Bank den Angestellten eine persönliche Balance zu entwickeln und mit ihr zu arbeiten. 

Biegen ohne Brechen

„Das Zusammenspiel verschiedener Mechanismen ermöglicht es, dass in der Bank ganz unterschiedliche Einstellungen, Meinungen, Werte und Praktiken zugleich gelebt werden können, die Bank aber trotzdem eine Einheit in Vielfalt herstellen kann“, erklärt Gümüsay. Diese dynamische Balance nennen die Autoren elastische Hybridität. Die Organisation stellt ein Hybrid mit verschiedenen Zielen dar, erreicht so Resilienz und kann sich in ihrer Vision und Praxis „biegen ohne zu brechen“ und damit Einigkeit durch Mehrdeutigkeit herstellen. „Die Studie weist auch politische Implikationen auf, inwiefern Gesellschaften elastischer werden und so besser mit Vielfalt umgehen können, ohne ihre Einheit aufzugeben“, so die Autoren.

Ali Aslam Gümüsay ist Postdoc in der BWL. Er kam zunächst im Rahmen der DAAD-Förderung  P.R.I.M.E. (Postdoctoral Researchers International Mobility Experience) an den Fachbereich Sozialökonomie (verbunden mit einem Aufenthalt an der Wirtschaftsuniversität Wien).

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