Sozialökonomie an der Universität Hamburg in 100 Schlaglichtern

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Metaanalyse zu Ersatzschulen in der Lernwerkstatt des Masters Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft

21. Juni 2019 FB SozÖk

Von Janice Schönfeld und Samira Lange

Im Sommersemester 2018 und Wintersemester 2018/19 haben wir in der von Prof. Miriam Beblo und Dr. Frederike Esche angeleiteten Lernwerkstatt im Masterstudiengang AWG selbstständig eine Metaanalyse zum Effekt von Ersatzschulen auf die Leistungsfähigkeit von Schüler*innen angefertigt. Eine Metaanalyse ist eine systematische quantitative Zusammenfassung von Primärstudien, oft kombiniert mit einer Zusammenhangsanalyse von Effektstärke und Moderatorvariablen.  

Unsere Metaanalyse befasste sich mit der Fragestellung, welchen Effekt Ersatzschulen auf die Leistungsfähigkeit der Schüler*innen unter Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren in Deutschland haben. Auf ökonomischer Ebene bietet die Humankapitaltheorie nach Gary S. Becker (1964) und auf soziologischer Ebene die Theorie der Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu (1982) unsere Grundlage. Für die Untersuchung bildeten wir drei Hypothesen:

1. Ein positiver Effekt des sozioökonomischen Hintergrunds ist bei allen drei untersuchten Kompetenzen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) festzustellen,

2. Der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds variiert je nach Kompetenz und

3. der Einfluss des sozioökonomischen Hintergrunds hängt von der Schulform ab.

Wir haben 77 Effektstärken aus 13 verschiedenen Studien in die Metaanalyse einbezogen. Dabei haben wir verschiedene Methoden gewählt, um die Selektivität der Ersatzschulen unterschiedlich stark zu berücksichtigen. Aus diesen Daten können schließlich durch Regressionsanalysen neue, aggregierte Einflüsse, die aus dem divergierenden sozioökonomischen Hintergrund von Privatschüler*innen an allgemeinbildenden Schulen resultieren, ermittelt werden. Wir kommen zu dem interessanten Schluss, dass der Effekt des soziökonomischen Hintergrunds den absoluten Leistungsvorteil nahezu aufhebt. 

Die Lernwerkstatt des Masters Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft wird im zweiten und dritten Studiensemester mit jeweils vier Semesterwochenstunden angeboten und soll durch die Methoden des forschenden Lernens, das selbständige Erschließen eines Themenbereiches und die Konzeption und Durchführung einer eigenen Studie die Studierenden zum selbständigen Forschen befähigen.

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Der blinde Fleck: Die kulturelle und mediale Perspektive der Sozialökonomie

20. Juni 2019 FB SozÖk

Von Dr. Carsten Heinze

Was ist Sozialökonomie und was zeichnet sie aus? Woraus speisen sich sozialökonomische Forschungsansätze und mit welchen Perspektiven kann sie betrieben werden? Auf welche wissenschaftlichen Referenzrahmen kann sich Sozialökonomie berufen? Was ist das Selbstverständnis der Sozialökonomie und worauf lässt sich dieses begründen? Die Antworten auf diese Fragen sind, glücklicherweise, vielfältig und werden in liebgewonnener und stoischer Regelmäßigkeit kontrovers diskutiert. Interdisziplinär, kritisch, gesellschaftsrelevant, bestenfalls intervenierend soll sie sein. Meines Erachtens kommt jedoch darin die kulturelle und mediale als epistemologischeund praxeologische Perspektive zu kurz, obwohl diese darin elementar enthalten ist.

An den verschiedenen „turns“ (linguistic, pictorial/iconic, performative, medial, spatial, affective usw.), die seit vielen Jahrzehnten mal als Moden, mal als grundlegende Perspektivverschiebungen die Kultur- und Sozialwissenschaften durchlaufen, kommt auch eine Sozialökonomie, die theoretisch, methodisch und empirisch auf der Höhe der Zeit sein möchte, nicht vorbei. Denn in allen „turns“ lässt sich auch immer die Frage nach der Bedeutung(sverschiebung) für das Soziale der ökonomischen Verhältnisse aufspüren. Das Soziale der ökonomischen Verhältnisse und ihre Konflikte werden auf dem Feld der Kultur und der Medien ausgetragen. Und es darf daran erinnert werden, dass die Cultural Studies einmal einen Fuß in der Tür der Sozialökonomie hatten, seinerzeit vertreten durch Frigga Haug, die nicht nur regelmäßig Seminare zu dem damals in Deutschland noch weitgehend unbekannten interdisziplinären Forschungsansatz anbot, sondern auch zusammen mit Wolfgang Fritz Haug im Argument-VerlagTeile der Schriften von Stuart Hall publizierte. Wichtige Anregungen der Cultural/Media Studies-Perspektiven gehören mittlerweile, ob offen eingeräumt oder stillschweigend mittransportiert, zum wissenschaftlichen Standardrepertoire aktueller Sozial- als Kulturanalysen.

Unterschiedlichste „Kulturen“ und Kulturformen, materiell wie immateriell, durchziehen unseren Lebensalltag, beeinflussen bzw. formen unsere alltäglichen Handlungen und unsere Lebenspraxis, geben uns inneren wie äußeren Halt und moralische Orientierung, und nicht zuletzt: sie regen Konsumentscheidungen an und sind so zwangsläufig eingebettet in kulturelle, weitestgehend kapitalistisch strukturierte Verwertungsketten. 

Kulturformen binden uns derart in unterschiedliche Zusammenhänge ein und bilden so die Grundlage gesellschaftlicher Vergemeinschaftung, egal in welcher Sphäre oder in welchem Feld (Bourdieu) sie sich ereignen. In einer Vielzahl von Publikationen werden diese Einflüsse auf die Herausbildung der (Konsum-)Gesellschaft nach 1945 zurzeit auch sozial- und kulturhistorisch untersucht. Darin spielen Jugend- und Popkulturen nicht nur für den angelsächsischen Sprach- und Kulturraum, sondern auch für Deutschland, das anders als die USA oder Großbritannien eher ein reserviertes Verhältnis zur Popkultur hat, eine hervorgehobene Rolle.

Der Kulturbegriff lässt sich in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen aufspüren. „Politische Kultur“ (gerade gar kein schönes Thema), „Gedächtnis- und Erinnerungskultur“ (entgleitet zurzeit dem öffentlichen Diskurs), „Populärkultur/Popkultur“ (elementarer Bestandteil unserer alltäglichen Lebenspraxis und Richtschnur unseres Freizeitverhaltens), „Subkultur“ (wo ist diese noch zu finden?), „Jugendkultur“ (historischer Motor gesellschaftlicher Veränderungen und des sozialen Wandels), „Volkskultur“ (ein ehemals romantisierender, heute eher bedenkliche Assoziationen hervorrufender Begriff), „Kulturindustrie und Massenkultur“ (etwas angestaubte und holzschnittartige Begriffe aus der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule), „Erlebniskultur“ (Begriff für die Eventisierungsmaschinerie und wichtiger Faktor des BSP) – und nicht zu vergessen: die „Unternehmenskultur“ (jung, dynamisch, kreativ, ein bisschen wild und verwegen, auf der Höhe der Zeit, kooperativ, schnittig und vor allem marktorientiert muss sie sein).

Und nicht zuletzt die Medienkultur. Im Zeitalter der Digitalisierung und Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche mit den unterschiedlichsten Medienformen rückt das komplexe Wechselverhältnis zwischen Kultur und Medien in den Mittelpunkt von Betrachtungen der (spät-/post-)modernen Gesellschaft. Schlagworte wie „Medialisierung“ oder „Mediatisierung“ deuten an, dass gesellschaftliche Prozesse und Abläufe ohne strukturelle und inhaltliche Berücksichtigung der hierfür notwendigen Medientechnologien kaum mehr zu denken sind. Medien vermitteln uns aktuelle und historische, nahe wie ferne Ereignisse und verbinden uns mit dem wichtigen oder weniger wichtigem Geschehen in der Welt. Was wir sozial „wissen“ (zu wissen meinen), wissen wir zu einem großen Teil aus den Medien (Luhmann). Sie bilden die Grundlage alltäglicher Austauschprozesse und ergänzen/erweitern (nicht ersetzen!) die klassische „face-to-face“-Beziehung, an deren empirischen Untersuchung der Soziologie bis heute vor allem gelegen ist. Ohne die medialen und kulturellen Rückkoppelungseffekte sind diese allerdings kaum mehr zu verstehen.

Mittlerweile sind wir alle jedoch nicht nur Konsumenten eines aus der „Kulturindustrie“ hergestellten Angebots, sondern werden selbst zu Produzent*innen („Prosumer*innen“), kommentieren und liken, kommunizieren unseren gewöhnlichen Lebensalltag öffentlich in entsprechenden Netzwerken etc. etc. Wir gehen nach wie vor ins Kino und schauen fern, gerne auch zeitversetzt, bearbeiten unser nicht ganz so perfektes äußeres Selbst mithilfe entsprechender Fotoprogramme, shoppen nebenbei im Internet oder lesen beizeiten sogar mithilfe von Kindle das Surrogat eines „Buches“. Wir streamen Filme und Musik und lassen uns bequem von Algorithmen unseren kulturellen Geschmack ergänzen/erweitern/vorgeben. Wir lassen uns von „Influencer*innen“ Konsumentscheidungen nahebringen und sind Abonnent*innen verschiedener YouTube-Kanäle. Unsere Kultur und unsere Lebensweise sind medial geprägt.

Diese „Schlaglichter“ auf kulturelle und mediale Dynamiken ziehen ein grundsätzliches Nachdenken über die Ausrichtung und Erweiterung sozialökonomischen Denkens auf den unterschiedlichen Betrachtungsebenen nach sich. Meines Erachtens ist es Zeit, diese Dynamiken forschungspraktisch stärker mit traditionellen oder klassischen Perspektiven der Sozialökonomie zu verknüpfen, damit die Medialisierung des Gesellschaftlichen nicht auch in ihr ein „blinder Fleck“ bleibt.

Carsten Heinze ist Lehrkraft für besondere Aufgaben/WiMi-Le; Forschungs- – pardon – Lehrinhaltsschwerpunkte: Medien- und Filmsoziologie, Kultursoziologie, Jugendsoziologie.

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Studentische Gründungsprojekte – Start-up Faces am Lehrstuhl Digitale Märkte

19. Juni 2019 FB SozÖk

Von Dr. Stefanie Pakura und Sven Niederhöfer

Dieses Schlaglicht ist dem studentischen Engagement gewidmet, welches der Fachbereich Sozialökonomie durch seine interdisziplinäre Ausrichtung motiviert und begleitet. Hier entstehen studentische Projekte im Bereich ‚sustainable and social entrepreneurship, die darauf abzielen ein sozialeres und nachhaltigeres Leben zu fördern. Wir wollen stellvertretend für die vielen anderen studentischen Projekte und Initiativen am Fachbereich zwei an der Professur BWL im Team von Professor Sebastian Späth, entstandenen Gründungsprojekte kurz in ihren eigenen Worten vorstellen: Das soziale Start-up „Cheers & art“ und das Projekt zum Thema „Zero-Waste“.

Kirstin Blümke: „Meine Hauptmotivation für die Gründung eines sozialen Start-ups entstand dadurch, dass ich mich während meines Studiums immer wieder diesen Fragen gestellt habe: In was für einer Gesellschaft möchte ich leben? Was hinterlassen wir der Nachwelt? Und wie kann ich diese gestalten? Das Seminar „Gamification“ hat letztlich den Anstoß und die Motivation gegeben, eine eigene Idee für ein soziales Projekt zu finden, zu entwickeln und zu erproben und vor allem auch, sich mit der Umsetzung als Gründung als Möglichkeit kritisch auseinanderzusetzen. 2018 habe ich mein eigenes sozialen Start-up ‚Cheers & art‘ geründet, das Dekorationsartikel aus recycelten Materialien von Künstler*innen aus den Townships Südafrikas in Deutschland anbietet. Mit den Kunstwerken möchte ich vor allem die Bewohner*innen der Townships in Südafrika nachhaltig unterstützen und engagiere mich außerdem dafür, dass die Künstler*innen fair bezahlt werden, die Produkte aus mindestens 90 % recycelten oder upgecycelten Materialen bestehen und die Verpackung nachhaltig gestaltet ist. Ein Euro pro verkauftem Produkt geht als Spende an die ‚Kinderhilfe-Südafrika‘.“

Von einer ähnlichen Motivation berichten auch Jovanka Backhus und Randi Kittlitz: „Wir haben unsere Hauptmotivation ein eigenes Unternehmen zu gründen darin gefunden, einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit in der Gesellschaft leisten zu wollen. Das Thema Nachhaltigkeit ist heute so relevant wie nie. Wir als Gesellschaft müssen unser Konsumverhalten zukunftsorientiert ändern, um die Erde langfristig als Lebensraum erhalten zu können. Die Bereitschaft für einen nachhaltigeren Konsum, ist beim Großteil der Verbraucher bereits da, allerdings bietet der Markt noch großen Raum für plastikeinsparende Produkte, die eine vollkommen transparente Lieferkette gewährleisten. Und genau da setzen wir mit unserem Zero-Waste Konzept im Hygienesektor an. Das Seminar „Building a Start-Up” und die damit einhergehende Ausarbeitung eines Businessplanes bildete für uns die Zusammenführung verschiedenster Kenntnisse, die wir bis dato im Studium erworben hatten, und somit den optimalen Ansporn und die Inspiration unser Bestreben in die Tat umzusetzen. Wir sind gerade dabei unsere Vertragspartner auszuwählen und unsere Marke aufzubauen, damit wir Anfang 2020 mit unserem Produkt auf den Markt gehen können!“

Stefanie Pakura und Sven Niederhöfer stellen auf der Homepage in der Kategorie „Start-Up Faces“ ehemalige Studierende aus Seminaren und der Universität Hamburg vor, die den Weg in die Selbständigkeit und die Gründung eines eigenen Start-Ups gewählt haben.

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Feldforschung in Mexiko: Wie sieht soziale Verantwortung von Unternehmen in der Praxis aus?

18. Juni 2019 FB SozÖk

Von Anna-Maria Nunenmann

Für meine Masterarbeit im Fach International Business and Sustainability (MIBAS) führte ich eine siebenmonatige ethnographische Feldforschung in Mexiko durch. Entstanden sind die Kontakte durch eine Studienreise mit anschließender Lehrforschung, organisiert von den Lateinamerika-Studien der Universität Hamburg und unterstützt durch das Förderprogramm Hamburglobal.

Im Rahmen des Masterstudiums hatte ich mich ausgiebig mit den Theorien der sozialen Unternehmensverantwortung (CSR) beschäftigt. Nun wollte ich herausfinden, wie die sogenannte Political Corporate Social Responsibility (PCSR) – eine spezifische Vertiefung der CSR-Forschung – in der Praxis aussieht. Besonders interessant erschien mir die Interaktion von Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft, die jeweils unterschiedliche Machtpositionen und Wertvorstellungen mitbringen. 

Hierfür wählte ich folgendes Projekt: Ein kanadisches Unternehmen plante den Bau einer Gaspipeline in Mexiko und musste dafür unweigerlich in Kontakt mit den Gemeinden treten, deren Grundstücke vom Bau betroffen waren. Vor allem bei dem Teilabschnitt der Pipeline, der durch die Gebiete indigener Völker führen sollte, gab es Schwierigkeiten. Indigene unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sprachlichen, ethnischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Eigenheiten von der nationalen Gesellschaft und erst recht von transnationalen Unternehmen. Im untersuchten Fall jedoch konnte ich miterleben, wie die Betroffenen trotz des Machtungleichgewichts die Verletzung ihrer Rechte durch das Unternehmen verhinderten und den Pipelinebau vorerst stoppten. Entgegen der verbreiteten Annahme haben indigene Völker keine primitive oder unterentwickelte Lebensweise, sondern handeln strategisch und sind in diesem konkreten Fall – genau wie das Unternehmen – transnational vernetzt. Insofern war es spannend, die Umsetzung von PCSR Maßnahmen aus ihrer Perspektive zu untersuchen, fokussiert doch die Mehrheit der bisherigen Studien auf die Perspektive der Unternehmen.

Insgesamt ist die Annäherung zwischen dem Unternehmen und den Gemeinden ein komplexer und vielschichtiger Prozess, der gut durch interdisziplinäre Ansätze – wie sie im Fachbereich der Sozialökonomie gefördert werden – untersucht werden kann. Die empirischen Ergebnisse meiner Arbeit lieferten interessante Einblicke in die Dynamik der PCSR Dialoge und lassen Schlussfolgerungen im Hinblick auf die theoretische Konzeption von PCSR zu. Gerade der ethnographische Ansatz – mit Methoden wie der teilnehmenden Beobachtung – eignet sich hervorragend, um auch den politischen und kulturellen Kontext einzubeziehen, in dem sich die Interaktion zwischen unterschiedlichen Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft abspielt.

Anna-Marias Masterarbeit wurde mit dem Dr. Walter Kapaun Studienpreis 2019 ausgezeichnet.

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Politische CSR Identitäten von Unternehmen im Accord for Fire and Building Safety in Bangladesh

17. Juni 2019 FB SozÖk

Von Dr. Maximilian J. L. Schormair

Im Rahmen meiner Forschung an der Professur für Unternehmensethik am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg habe ich zusammen mit meiner Kollegin Dr. Kristin Huber den sog. Accord for Fire and Building Safety in Bangladesh untersucht. Der Accord ist eine Multi-Stakeholder Initative, die nach dem Einsturz der Rana Plaza Textilfabrik im April 2013 ins Leben gerufen wurde, bei dem über 1000 Menschen ums Leben kamen. Die Initative setzt sich zusammen aus internationalen Gewerkschaften und über 200 Textilunternehmen und representiert ein rechtlich verbindliches Abkommen zur Verbesserung der Feuer und Gebäudersicherheit von Textilfabriken in Bangladesch. In unserer Forschung haben wir mit zahlreichen Vertretern der deutschen Textilunternehmen gesprochen, die Teil des Accords sind, um zu verstehen, wie sich Unternehmen in derartigen Initativen verhalten. Im Ergebnis können wir 4 Gruppen von Unternehmen unterscheiden: Zum einen gibt es progressive Unternehmen, die die Teilnahme am Accord als essentiellen Teil ihrer Unternehmensverantwortung ansehen und die Vorgaben konsequent umsetzen. Demgegenüber gibt es aber auch eine Gruppe von konservativen Unternehmen, die am Accord nur aufgrund von externem Druck teilnehmen und die eigentliche Verantwortung beim Staat in Bangladesch ansiedeln. Interessanterweise haben unserer Forschungen noch zwei weitere Gruppen identifziert: Eine Gruppe von Unternehmen tritt mit einer eher konservativen Perspektive in die Initiative ein und entwickelt über die Zeit eine deutlich progressivere Haltung. Schließlich konnten wir eine vierte Gruppe identifzieren, die progressiver in die Initiative startet und über die Zeit konservativer wird. Insgesamt zeigen unsere Forschungen, dass Initiativen wie der Accord von vielseitigen politischen Prozessen angetrieben werden, die an der Oberfläche selten sichtbar sind. Multi-Stakeholder Initativen wie der Accord werden eine zunehmend wichtigere Rolle spielen, wenn es darum geht, die Nachhaltigekeitsstandards internationaler Wertschöpfungsketten zu verbessern. 

Weitere Details zu dieser in der internationalen Fachzeitschrift Business & Society veröffentlichten Studie können unter folgendem Link nachgelesen werden: https://doi.org/10.1177/0007650319825786

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Atembare Luft für alle!

14. Juni 2019 FB SozÖk

Claudia Ranft

Nicht ganz hundert, aber immerhin 57 Jahre lang gab es in Hamburg die 2005 mit der UHH fusionierte Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, HWP. Schlaglichter aus dieser Zeit gehören natürlich auch zur Bildungsgeschichte unserer schönen Stadt. Im Rahmen ihres Studiums haben drei Studentinnen innerhalb von knapp zwei Jahren dafür gesorgt, dass das, was heute Normalität ist, schon Anfang der 2000er Jahre im Gebäude Von-Melle-Park 9 mit demokratischen Mitteln durchgesetzt wurde: Rauchfreiheit. Die Luftbelastung durch Zigarettenrauch im Foyer war zu dieser Zeit enorm. An manchen Tagen hätte dort ohne Weiteres der zweite Teil von „Gorillas im Nebel“ gedreht werden können. Es gehörte damals quasi zum guten Ton, das schon lange de facto bestehende Rauchverbot zu ignorieren, allen freundlichen oder weniger freundlichen Bitten um Rücksichtnahme und Schonung rauchempfindlicher Menschen zum Trotz. Eines Tages, nachdem wieder einmal ein qualmender Jungspund (keine „linke Socke“; sondern Marke Gymnasiast aus gutem Hause) eine Bitte um Rücksichtnahme und Beachtung des Rauchverbots abgebügelt hatte, platzte der Initiatorin Kragen. Schluss mit dem Opfergehabe! Schluss mit Bitte-Bitte und dem Hinnehmen von Spott und ignoranter Machtausübung. Wenn die, die eigentlich dafür zuständig wären, ihre Verantwortung nicht wahrnehmen wollen, dann werden wir eben selber aktiv! Nach akribischer Planung und erfolgreicher Einwerbung von Kampagnengeldern startete das Projekt mit einem bunten Strauß an Aktionen: Wechselnden Aushängen, Gesundheitsberatung, persönlicher Ansprache, Umfragen, Vorträgen, paradoxen Interventionen, unermüdlicher Präsenz „vor Ort“, Kunst am Bau u.v.m. Am Ende konnte ein von fast niemandem außerhalb des Teams erwarteter Erfolg gefeiert werden: Das Foyer und alle öffentlich zugänglichen Räume des Gebäudes waren rauchfrei geworden. Das Beste an diesem studentischen Projekt war seine Vorbildfunktion. Erst im Nachhinein war zu erfahren, wie viele Studierende, Lehrende und Verwaltungsangestellte, Nichtraucher*innen und Raucher*innen (!) sich hinter den Kulissen aus eigenem Antrieb in den Dienst der Sache gestellt und sich oftmals sehr unangenehmen Diskussionen ausgesetzt hatten. Die die Kampagne ganz unauffällig und teilweise im allerbesten Sinne subversiv unterstützt haben. Das ist ein kleines Beispiel für das, was in der Sozialökonomie nach Hamburger Lesart steckt: Einen konstruktiv-kritischen Blick auf den Ist-Zustand werfen, gemeinwohlorientierte Schlüsse ziehen, lösungsorientiert und kooperativ handeln. Auf dass wir für die nächsten hundert Jahre gewappnet seien!

Claudia Ranft arbeitet im wissenschaftsstützenden Bereich zweier VWL-Professuren der Sozialökonomie. Sie ist Diplom-Volkswirtin.

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Interdisziplinarität als Spezialität

13. Juni 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Sebastian Späth

Der Begriff Universität steht für die Gemeinschaft der Wissenschaften (universitas litterarum). Die organisatorische Unterteilung dieser Gemeinschaft in Fakultäten und Disziplinen (Fächer) fördert allerdings nicht unbedingt die gemeinschaftliche Arbeit der Wissenschaften, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit ähnlich ausgebildeten Personen aus den gleichen Disziplinen. Auch Karriereimpulse und Reputation basieren standardmäßig vor allem auf Erfolgen mit Publikationen in der eigenen Disziplin. Karin Knorr-Cetina hat die Problematik des Austausches zwischen verschiedenen Fächern (oder sogar Subfeldern eines Faches) schön beschrieben. Diese entwickeln unterschiedliche epistemische Kulturen und verwenden beispielsweise unterschiedliche wissenschaftliche Sprachen und Kulturen, die einen Wissensaustausch schwierig bis unmöglich machen.

Bei der Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg ist zu unterscheiden zwischen multidisziplinären, interdisziplinären und transdisziplinären Vorgehensweisen.

Multidisziplinär ist Forschung dann, wenn sich verschiedene Disziplinen aus ihrer jeweiligen Sichtweise mit der gleichen Fragestellung befassen.

Wenn beispielsweise die Entscheidungsfindung eines Managers sowohl von Neurobiologen mittels einer Tomographie als auch von Verhaltensökonomen untersucht wird, jedoch jeder Forscher „in seinem Revier“ bleibt, handelt es sich um multidisziplinäre Forschung. Oft findet diese parallel und ohne Interaktionen der Fächer statt.

Interdisziplinär ist Forschung dann, wenn Wissen, Theorien oder Methoden anderer Disziplinen mit denen der eigenen Disziplin verknüpft werden und es zu einer Synthese kommt. Als Forscher muss man hier über den eigenen Tellerrand hinausblicken, „Conceptual Blending“ zwischen den epistemischen Kulturen und Theorien betreiben und die Terminologien anderer Fächer begreifen lernen.

Transdisziplinarität ist von Interdisziplinarität schwieriger abzugrenzen: hier entstehen integrierte Modelle, die die Grenzen einer Disziplin überschreiten und Relevanz jenseits einzelner Disziplinen aufweisen. Oft spricht man von Transdisziplinarität, wenn Ergebnisse nicht nur innerhalb einer Disziplin-„Blase“ verbleiben, sondern genutzt werden, um Auswirkungen auch außerhalb der Elfenbeintürme zu bewirken. Wenn beispielsweise psychologische Modelle herangezogen werden, um die Charakteristika von potentiellen Problem(Glücks-)spielern zu identifizieren und dabei Regelungen vorgeschlagen werden, um Spielsucht vorzubeugen, kann man von transdisziplinärer Forschung sprechen.

Die Sozialökonomie hat den Vorteil, in ihrer organisatorischen Struktur und inhaltlichen Ausrichtung interdisziplinär angelegt zu sein. Sozialökonomisch zu forschen und zu lehren impliziert die Zusammenarbeit mit Kollegen verschiedener Disziplinen.

Das Fachgebiet der Sozialökonomie, das sich zur Aufgabe gemacht hat, „Wechselwirkungen von Wirtschaft und Gesellschaft aus verschiedenen, sich ergänzenden Blickwinkeln – der Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Rechtswissenschaft“ mit gesellschaftspolitischer Relevanz zu untersuchen, ist von seiner Grundausrichtung inter- und transdisziplinär ausgelegt. Dies erfordert Toleranz und Verständnis und macht die Arbeit schwieriger, jedoch auch interessanter, relevanter und spannender.

Sebastian Späth leitet die Professur für BWL/Digitale Märkte an der Universität Hamburg.

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Dissertationsvorhaben zum Thema digitale Plattformökosysteme

12. Juni 2019 FB SozÖk

Von Sven Niederhöfer, M.Sc.

Im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung sehen sich Unternehmen einem zunehmenden Innovationsdruck sowie starken Dynamiken in ihrer Umwelt ausgesetzt. Dennoch eröffnen digitale Technologien auch neue Möglichkeiten, indem sie zur Steigerung der Effizienz von Abläufen und der Vernetzung von Menschen beitragen können. Eine besondere Rolle nehmen dabei digitale Plattformen ein, die in der Regel aus einem Softwarefundament bestehen, welches eine modulare Erweiterung durch komplementäre Produkte und Dienste ermöglicht. Sie können dabei in zahlreichen Kontexten implementiert werden, darunter Industrie 4.0, Connected Cars und Smart Devices, um einige zu nennen.

Digitale Plattformen erlauben es Unternehmen eine Vielzahl von Beiträgen wie Softwareanwendungen, Videos, Musik oder Texte als auch Bauteile und Produkte von Partnern außerhalb des Unternehmens zu nutzen, um den Endnutzern ein attraktives und umfangreiches Angebot zu machen. So können Kunden von Apple aus einem Angebot von mehr als 2 Millionen Anwendungen wählen und ihre Geräte so um Funktionen beliebig erweitern. Die hauseigenen Geräte wie Laptops, Smartphones, Tablets und Set-Top-Boxen können untereinander mittels Cloud verbunden werden und bilden somit ein geschlossenes System. Ähnlich ist Googles Android-Plattform ausgestaltet, die jedoch überwiegend in Verbindung mit Geräten von Partnern dem Kunden ein umfangreiches Angebot liefert. Diese lose verbundenen Netzwerke von unterschiedlichen Akteuren, die kooperieren, um ein gemeinsames Wertversprechen zu realisieren und gleichzeitig eigene Interessen verfolgen werden in der neueren Literatur aufgrund der Ähnlichkeiten zu biologischen Ökosystemen als „Business Ecosystems“ bezeichnet und erforscht.

Viele namhafte Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen haben diese Perspektive adoptiert, mit der Absicht einen ähnlichen Erfolg zu erzielen. Dennoch stellen sie Unternehmen vor Herausforderungen, da sie Kontrolle an ihre Ökosystem-Partner abgeben müssen und ihr Erfolg sowie der des gesamten Ökosystems von den Aktivitäten dieser Partner abhängt.

In meiner Dissertation befasse ich mich deshalb mit Dynamiken, die innerhalb solcher Netzwerke aufgrund der Interessenskonflikte entstehen und welche Mechanismen dazu beitragen können Konsens herzustellen, um eine positive Entwicklung des Systems als Ganzes zu ermöglichen.

Sven Niederhöfer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Management & Digital Markets der Universität Hamburg.

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Institutionelle Hürden beim Hochschulzugang

11. Juni 2019 FB SozÖk

Von Dr. Florian Hertel

Das von der WiSo Fakultät geförderte Forschungsprojekt zielt auf die Erklärung der Rolle institutioneller Hürden für die Produktion sozialer Ungleichheit beim Zugang zum Hochschulstudium ab. Bis heute wissen wir wenig über den Einfluss von Zulassungsverfahren auf soziale Ungleichheit. Diese ist beim Hochschulzugang in Deutschland im internationalen Vergleich besonders stark ausgeprägt. Gleichzeitig sind mehr als 40% aller Studiengänge hierzulande zulassungs-beschränkt. Da ein Hochschulabschluss nach wie vor die vorteilhaftesten Lebenschancen bietet sind Zulassungswege, die systematisch Menschen niedriger sozialer Herkunft benachteiligen nicht nur unfair sondern auch nicht mit den Ansprüchen an soziale Nachhaltigkeit zu vereinbaren.

Das Projekt ergründet theoretisch, methodisch und empirisch aus einer interdisziplinären, dem Methodenpluralismus verpflichteten, innovativen Perspektive erstmals den Zusammenhang zwischen Zulassungsverfahren einerseits und Ungleichheit beim Zugang zum Studium sowie der Fächerwahl andererseits. Im Rahmen des Projekts sammeln und bereiten wir die Eckdaten universitärer Zulassungsverfahren aller grundständigen Studiengänge in Deutschland auf und analysieren die Wirkung von Zulassungsverfahren auf Ungleichheit im höheren Bildungswesen. Basierend auf der Variation von Zulassungskriterien und der Auswahlgrenzen wird die Rolle von Zulassungsverfahren für Ungleichheit im Hochschulzugang empirisch bestimmt. Hierfür werden die gesammelten Daten mit vorhandenen Individualdaten aus Studienberechtigtenpanels und Sozialerhebungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW ehemals HIS) verbunden.

Vor dem Hintergrund einer geplanten Policyanalyse untersucht das Projekt die Gründe für die Ausgestaltung von Zugangsverfahren in Deutschland und entwirft ein formales, handlungs-theoretisches Erklärungsmodell, das Zulassungshürden als institutionelle Bedingungen familiärer Entscheidungen integriert. Dieses Modell wird anhand regionaler und zeitlicher Variation von Zulassungskriterien und Auswahlgrenzen getestet. Dies erlaubt erstmals die Rolle von Zulassungshürden für Ungleichheit bei der Studienentscheidung und der Studienfachwahl zu quantifizieren. Gerahmt werden sollen diese Analysen von einer qualitativen Studie individueller Handlungsentscheidungen im Kontext des Hochschulstudiums. Die Ergebnisse können anstehende Entscheidungen zur Reformulierung von Zulassungsverfahren über deren Folgen für soziale Ungleichheit informieren. Gleichzeitig soll das Projekt die Ungleichheitsforschung am Fachbereich weiter stärken. Weitere Infos:https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sozoek/professuren/lohmann/forschung/01-forschungsprojekte/huerden-beim-hochschulzugang.html

Vor dem Hintergrund einer geplanten Policyanalyse untersucht das Projekt die Gründe für die Ausgestaltung von Zugangsverfahren in Deutschland und entwirft ein formales, handlungs-theoretisches Erklärungsmodell, das Zulassungshürden als institutionelle Bedingungen familiärer Entscheidungen integriert. Dieses Modell wird anhand regionaler und zeitlicher Variation von Zulassungskriterien und Auswahlgrenzen getestet. Dies erlaubt erstmals die Rolle von Zulassungshürden für Ungleichheit bei der Studienentscheidung und der Studienfachwahl zu quantifizieren. Gerahmt werden sollen diese Analysen von einer qualitativen Studie individueller Handlungsentscheidungen im Kontext des Hochschulstudiums. Die Ergebnisse können anstehende Entscheidungen zur Reformulierung von Zulassungsverfahren über deren Folgen für soziale Ungleichheit informieren. Gleichzeitig soll das Projekt die Ungleichheitsforschung am Fachbereich weiter stärken. Weitere Infos:https://www.wiso.uni-hamburg.de/fachbereich-sozoek/professuren/lohmann/forschung/01-forschungsprojekte/huerden-beim-hochschulzugang.html

Florian Hertel ist Postdoc in der Soziologie der Sozialökonomie.

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Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS)

07. Juni 2019 FB SozÖk

Von Prof. Dr. Arne Heise

Forschungen zur Sozialökonomie sind befasst mit der wechselseitigen Bindung von Individuen und Gesellschaft und knüpfen an Erkenntnisse der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaft und der Gesellschafstheorie an. Die Kombination disziplinärer Wissensformen und Methoden ermöglicht eine historisch-systematische Orientierung. Diese schließt die Gesellschaftlichkeit als produktive Ressource ebenso ein wie daran notwendig geknüpfte demokratische Prozesse. Damit beschäftigen sich auch eigene Beiträge zum Funktionieren und Versagen von Märkten und zum demokratischen Gemeinwesen. Das Forschungsprogramm des Zentrums konzentriert sich darauf, ökonomische Vernunft, politischen Realismus und soziale Verantwortung zusammenzuführen. Zentral sind dabei nicht nur wissenschaftliche Erträge, sondern auch Beratungskompetenzen – etwa in Fragen der Gestaltung des lokalen Nahbereiches als auch zu weltgesellschaftlichen und weltwirtschaftlichen Problemen. In den gegenwärtig vorherrschenden Formen des Verhältnisses zwischen Individuen und Gesellschaft erkennen wir eine Dynamik, die einen neuen Gesellschaftsvertrag erfordert. In diesen Vertrag eingeschrieben werden muss das Recht, in ökonomisch-sozialer Hinsicht nicht ausgeschlossen zu werden, da es Grundlage jeglichen freien Urteilens und politischen Handelns ist.

Arnei Heise ist Professor für VWL, insb. Finanzwissenschaft und Public Governance

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